arne klawitter

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Archivforschung

Das Archiv als Ausgangspunkt einer philosophischen Kulturarchäologie

 
 

Besprochene Literatur:

Georges Didi-Huberman/Knut Ebeling: Das Archiv brennt, Berlin: Kadmos 2007.

Knut Ebeling/Stefan Günzel (Hg.): Archivologie. Theorien des Archivs in Philosophie, Medien und Künsten, Berlin: Kadmos 2009.

Knut Ebeling: Wilde Archäologie I. Theorien der materiellen Kultur von Kant bis Kittler, Berlin: Kadmos 2012.

Dietmar Schenk: Kleine Theorie des Archivs, 2. überarb. Aufl., Stuttgart: Steiner 2014 (1. Aufl. 2008).

Dietmar Schenk: »Aufheben, was nicht vergessen werden darf«. Archive vom alten Europa bis zur digitalen Welt, Stuttgart: Steiner 2013.

 

Das Archiv, heißt es in der Einleitung des von Knut Ebeling und Stefan Günzel herausgegebenen Buches Archivologie, »zirkuliert«: »Der Schlüsselbegriff der Wissensgeschichte kursiert in Philosophie und Epistemologie, in Kunst- und Kulturwissenschaft, in Medien-, Wissenschafts- und Technikgeschichte.« (7) In allen diesen Bereichen sei das Archiv zur geläufigen Metapher für kulturelles Gedächtnis, Bibliothek und Museum, ja für jede Art der Speicherung geworden. Der »Diskurs des Archivs« verlaufe quer durch die verschiedenen Gebiete der Kultur, Kunst und Wissenschaft, und quer durch Theorie und Praxis. Woher kommt diese plötzliche Faszination für das Archiv? Was genau treibt Wissenschaftler wie Künstler in die Archive? Oder ist diese Faszination überhaupt nicht so neu, wie es scheint?

Folgt man den Herausgebern, dann hat der Archivdiskurs seinen Höhepunkt bereits hinter sich. Den Kulminationspunkt verorten sie in den 1990er Jahren, »in denen Mauern fielen, New Economics expandierten und neue Kriege geführt wurden« (7). Nun sei es die Aufgabe der Kulturwissenschaft, den Bedingungen der Formation dieses Diskurses nachzugehen, was wiederum eine Reihe von Fragen aufwirft: Welche wissenschaftshistorische Konstellation hat eigentlich dazu geführt, dass ein Begriff aus der Sphäre der Verwaltung eine derartige Umwidmung erfahren konnte? Woraus resultiert diese Umwertung und warum werden aus Archivaren plötzlich Avantgardisten?

Die Aufwertung des Archivs in der neueren Wissensgeschichte nahm mit Foucaults Archäologie des Wissens (1969) ihren Anfang, in der das Archiv neben dem historischen Apriori zu einem Schlüsselbegriff in der Methode zur Beschreibung historischer Wissensordnungen wurde. Foucault verwendet dabei nicht, wie es sonst gewöhnlich der Fall ist, den französischen Begriff im Plural, sondern ausschließlich im Singular, um den von ihm gebrauchten Terminus für die archivische Methode von den Institutionen der archives abzugrenzen. Unter Archiv versteht er weder »die Summe aller Texte, die eine Kultur als Dokumente ihrer eigenen Vergangenheit oder als Zeugnis ihrer beibehaltenen Identität bewahrt hat«, noch »die Einrichtungen, die in ihrer gegebenen Gesellschaft gestatten, die Diskurse zu registrieren und zu konservieren«. Für ihn ist das Archiv vielmehr das, »was bewirkt, daß so viele von so vielen Menschen seit Jahrtausenden gesagte Dinge […] dank einem ganzen Spiel von Beziehungen erschienen sind, die die diskursive Ebene charakterisieren« (Foucault 1981: 187). Mit anderen Worten: Das Archiv ist ein »System der Diskursivität«, das »das Erscheinen der Aussagen als einzelner Ereignisse beherrscht« und zugleich dadurch ausgezeichnet ist, dass die »gesagten Dinge sich nicht bis ins Unendliche in einer amorphen Vielzahl anhäufen«, sondern »in distinkten Figuren anordnen, sich aufgrund vielfältiger Beziehungen miteinander verbinden […]« (Foucault 1981: 187). In genau diesen distinkten Figuren und vielfältigen Beziehungen manifestiere sich die »Politik des Archivs« als epistemisch determinierte diskursive Praktik des selektiven Sammelns und eines nicht mehr nur konservierenden, sondern auch transformierenden Speicherns. Damit war die Umwertung des Archivbegriffs, die für die kulturwissenschaftliche Forschung weitreichende Folgen haben sollte, eingeleitet. Mit Foucault wurde das Archiv nun nicht mehr nur als statischer Speicher aufgefasst, sondern als dynamisches »System der Formation und der Transformation der Aussagen« (Foucault 1981: 188). Das Archiv ist für ihn damit nichts anderes als das, was unser heutiges Wissen ermöglicht hat: Bedingung der Möglichkeit und Wirklichkeit des Wissens.

Aus Foucaults Umwertung des Archivbegriffs ziehen die Herausgeber weitreichende Konsequenzen: Alle empirischen Wissensbereiche seien durch ein Nicht-Ansichtiges bedingt, durch etwas Verschlossenes und gründen im Materiellen bzw. Kontingenten, d.h. in archivischen Praktiken, die dem Wissensinhalt nicht mehr präsent sind. »Die Urheber des Wissens sind also Ensembles aus menschlichen Agenten, Apparaturen und Artefakten sowie immaterielle Faktoren wie Traditionen und Erwartungen: In der Geschichte wird nicht die Vergangenheit sichtbar, sondern die Arbeit von Historikern, in der Philosophiegeschichte nicht die Entwicklung der Vernunft, sondern die Wirkung der Diskurse, und in einem Museum werden nicht die Werke von Künstlern betrachtet, sondern die Effekte dieser Institution.« (14) Bezogen auf das Archiv selbst hieße das: Im Archiv werden nicht die dort gelagerten Dokumente und Gegenstände als Informationen sichtbar, sondern die Effekte des Archivs als Institutionen und die mit ihnen verbundenen archivischen Praktiken.

Als Schlüsselbegriff der Foucaultschen Geschichts- und Kulturtheorie ist das Archiv mit der Idee einer Codierung des Geschichtlichen verbunden, was impliziert, dass das Archiv die Vergangenheit nicht einfach repräsentiert, sondern eine bestimmte Ordnung der Vergangenheit produziert. Aufgrund dieser Logik, die von den Herausgebern als eine »Logik eines Zuvorkommens« bezeichnet wird, kann mit Foucault von einem »Apriori des Archivs« gesprochen werden, das heißt: »Archive gehen der Geschichtsschreibung voraus, die deren Effekt ist.« (14) Archive geben nicht Geschichte wider, sie machen Geschichte.

Was mit Foucault seinen Ausgang nahm, fand dann mit Derridas Forderung nach einer »allgemeinen Archivologie« seinen Höhepunkt: »Stellen wir uns einmal das Projekt einer allgemeinen Archivologie vor«, schrieb Derrida im Jahr 1994, »ein Wort, das nicht existiert, das aber eine allgemeine und interdisziplinäre Wissenschaft des Archivs bezeichnen könnte.« Der von Knut Ebeling und Stephan Günzel herausgegebene Band versteht sich, wie sie selbst darlegen, als »Aus- und Weiterschreibung dieses Projekts«, und zwar unter einer »allgemein archäologischen Perspektive« (7-8). Dabei gehe es vor allem darum, den Diskurs des Archivs nachzuzeichnen, wozu sie die wichtigsten Texte zur kulturwissenschaftlichen Archivforschung unter vier Gesichtspunkten zusammengestellt haben, die den Sammelband strukturieren. Im ersten Teil »Archäologien des Archivs« sind Auszüge aus Derridas Buch Dem Archiv verschrieben sowie jeweils ein Aufsatz von Knut Ebeling und Cornelia Vismann zu finden. Der zweite Teil »Theorien des Archivs« versammelt Texte bzw. Auszüge aus bereits veröffentlichten Beiträgen von Michel Foucault, Michel de Certeau, Paul Ricœur, Boris Groys und Stephan Günzel, während der dritte Teil »Medien des Archivs« drei Beiträge von Aleida Assmann, Wolfgang Ernst und Bernhard Fritscher umfasst und der vierte, der sich den »Ästhetiken des Archivs« zuwendet, drei weitere Texte von Ulrich Raulff (über die Ökonomien des literarischen Archivs), Benjamin Buchloh (über Fotosammlungen verschiedener Künstler der Nachkriegszeit wie Gerhard Richter oder Marcel Broodthaers) und Monika Rieger (über den Künstler als Sammler). Mit dieser Zusammenstellung ist es den Herausgebern gelungen, zentrale Positionen des Archivdiskurses zu rekonstruieren und die wesentlichen Problem- und Fragestellungen der zeitgenössischen Debatte in Kunst und Wissenschaft abzubilden. Ohne Einschränkung kann hier von einem Standardwerk für die allgemeine Wissenschaft vom Archiv gesprochen werden.

Das Archiv ist heute zweifellos derjenige kulturphilosophische Begriff, in dem sich das Denken der Vergangenheit kristallisiert. Das zeigt sich vor allem in den Büchern von Giorgio Agamben (Was von Auschwitz bleibt. Das Archiv und der Zeuge (2003, ital. 1998)) und Georges Didi-Huberman (Das Archiv brennt), die sich mit dem Holocaust befassen. Der zuletzt genannte Text ist ein kurzer Essay, in dem sich der Verfasser mit den Konzentrationslagern beschäftigt, deren Existenz von den Nazis fotografisch dokumentiert und anschließend archiviert worden ist. Gleichzeitig gibt er zu bedenken, dass das »Eigentliche des Archivs« (7) in den Lücken bestehe, die es lasse, und dass erst diese Leerstellen Aufschluss über die verborgenen Selektionsmechanismen des Archivs geben. Daher sei das Archiv »weder bereits Spiegelbild des Ereignisses noch schlechterdings dessen Beweis. Immer wieder muss es durch unablässige Schnitte und Montagen mit anderen Archiven durchgearbeitet werden.« (20) Auch wenn das Archiv eine Konstruktion sei, bedeute das noch lange nicht, dass es um eine Fiktion handeln würde. Vielmehr habe jedes Archiv, wie Foucault und Certeau gezeigt hätten, eine bestimmte Syntax und Ideologie – und diese müssen erforscht werden.

Die »Asche des Archivs« bietet für Knut Ebeling den Anlass, zum Ursprung des Archivs zurückzukehren. In einem ebenso klarsichtigen wie faktenreichen Aufsatz versucht er deutlich zu machen, dass das ›Desaster des Archivs‹ kein modernes Ereignis, sondern schon in dessen Ursprüngen zu finden ist, als nämlich das Archiv der Stadt Athen im Perserkrieg 480/79 v. Chr. zerstört und niedergebrannt wurde. Die Materialität des Archivs impliziert bereits seine Zerbrechlichkeit; und seine Zeitlichkeit besteht gerade nicht darin, die Geschichte zu reflektieren, sondern zu kodieren, d.h. es bildet nicht ab wie eine Bibliothek, sondern »steuert und verwaltet eine Realität, der es vorausgeht« (57).

Während Ebeling in diesem Aufsatz den Ursprung und das ›Gesetz des Archivs‹ (61ff.) zu ergründen sucht, widmet sich sein mehr als 760 Seiten umfassendes Buch Wilde Archäologie I den großen archäologischen Forschungsprojekten des 20. Jahrhunderts, d.h. im Einzelnen Freuds Archäologie der Seele (1896-1937), Benjamins Archäologie der Moderne (1928-1939), Foucaults Archäologie des Wissens (1969) sowie Kittlers Archäologie der Medien (1985/86). Ihnen voraus geht Kants Archäologie der Metaphysik (1793), die schon Ende des 18. Jahrhunderts in Angriff genommen wurde und den modernen Archäologien gewissermaßen den Weg bahnte. ›Wild‹ seien diese Unternehmungen, »weil es sich um archäologische Projekte außerhalb der klassischen Archäologie handelt, die mit einem materiellen Denken der Zeitlichkeit experimentierten« (7). Vernetzt werden die Analysen und Überlegungen durch verschiedene Themenblöcke, die in Begriffspaaren organisiert sind und dem Leser einen Leitfaden durch die Wissensgeschichte bieten soll, wie z.B. Ursprünge/Zerstörungen, Schichten/Topographien, Transpositionen/Träume, Materialitäten/Monumente, Archive/Wissen, Rekonstruktionen/Konstruktionen, Medien/Codierungen.

Mit der Grundidee seines Buches bezieht sich Ebeling direkt auf Giorgio Agamben, für den in der philosophischen Archäologie keine Vergangenheiten in Frage stehen, sondern »Anbruchspunkte« (Agamben 2009: 131) maßgeblich sind. Ein Anbruchspunkt ist ein, historisch gesehen, ›junger‹ Ursprung, den Agamben als Emergenz definiert. Weil die Ursprünge eben auch ›jung‹ sein können (ganz im Sinne Foucaults, der sich zur Aufgabe setzte, die »Geschichte der Gegenwart« zu schreiben), ist das Thema der Archäologie nicht einfach das zeitlich am weitesten Entfernte.

Für Foucault, Agamben und Ebeling steht die Archäologie im Gegensatz zur Geschichte. Um diesen Gedanken noch deutlicher hervorzuheben, spricht Agamben dezidiert von ›philosophischer Archäologie‹ und Ebeling von ›wilder Archäologie‹. In Agambens Konzeption unterscheiden sich Archäologie und Geschichte nicht aufgrund ihrer unterschiedlichen Zeithorizonte – insofern, dass die Archäologie alte Zeiten erforschen würde, die Geschichte hingegen jüngere – oder aufgrund ihrer unterschiedlichen Gegenstände – insofern, dass die Archäologie sich wie bei Foucault mit Monumenten beschäftigt, während die Geschichte Dokumente untersucht, um diese ›sprechen zu lassen‹ – schließlich »beginnt die Geschichte erst, wo die Monumente verständlich werden«, wie Agamben den Nietzschefreund Franz Overbeck zitiert (vgl. Agamben 2009: 106). Daraus folgert Ebeling, dass die Archäologie durchaus auch die Gegenwart erforschen kann, und sie beschäftigt sich ebenso mit Dokumenten, jedoch mit wirksamen. Der Archäologe sucht dabei nach jenem »a-historischen Wirkstoff« (13), der als eine »Kraft […] in der Geschichte wirksam ist« (Agamben 2009: 137).

Während der Historiker die Vergangenheit erforscht, das ›Entsprungene‹, um mit Benjamin zu sprechen, »sucht der Archäologe nach dem Goldstaub wirksamer Vergangenheit, nach Entspringendem oder Codierendem: nach dem, was neue Zeitlichkeiten einstellt, ob es sich um Neugeborene, Träume oder Medien handelt – nach dem ›Ort einer Operation, die ihre Wirkung jeweils erst aktualisieren muss‹ (Agamben)« (13). Und gerade weil der Archäologe nach den Codierungen wirksamer, noch unvergangener Vergangenheiten sucht, schlussfolgert Ebeling, »laboriert er merkwürdigerweise näher – aber eben nicht zeitlich näher – an der Gegenwart als der Historiker« (13). Anders ausgedrückt: »Der Archäologe arbeitet räumlich näher an einer Gegenwart, deren konstituierende Kräfte er sucht, er beschäftigt sich mit dem, was räumlich hinter oder unter der Zeit liegt, seine Bewegung ist ein ›Hinter-die-Zeit-Zurückgehen‹ (Agamben)«. (13) Somit erforscht der Archäologe den Zugang bzw. den Grund der Gegenwart und untersucht, um noch einmal Foucault sprechen zu lassen, »den Boden, aus dem wir stammen« (Foucault 1987: 87).

An diesem Punkt wird dann auch der Unterschied zwischen philosophischer Archäologie und Geschichte deutlich. Wenn man Geschichte schreibt, so Ebeling, stellt man in erster Linie eine Kontinuität her, »die alles Unwahrscheinliche und Unerwartete ausschließt« (17). Dem Zeitstrahl folgend, werde alles auf der beruhigenden Skala des Erwartbaren angeordnet. Die Archäologie hingegen bringe das Andere an den Tag. Ebeling versucht dies zu verdeutlichen, indem er eine Parallele zwischen klassischer und kulturphilosophischer Archäologie zieht: »Wenn man unter einer Stadt gräbt oder eine Siedlung entbirgt, ist man stets auf das Überraschende gefasst. Dieser Befund gilt sowohl für die klassischen als auch für die abgewandelten Archäologien. Auch die sexuellen Objekte, die eine Archäologie der Seele hervorbrachte, waren zunächst erstaunlich und schockierend – zumal sie von den selbst erzählten Geschichten der Patienten mehr oder weniger krass abwichen. Ein anderes Beispiel ist Benjamin, der bei seiner Archäologie der Moderne nicht nur die Architektur der Passage fand – sondern auch deren nicht ins Kalkül gezogene Wirklichkeitsbedingung, die Eisenbahnschiene.« (17)

Die Archäologie ist zwangsläufig an ein spezifisches Objekt gebunden, denn sie sucht nach so etwas wie einem missing link. Dieses archäologische Objekt ist »dasjenige fehlende Element, das eine Kultur oder eine Epoche braucht, um sich selbst zu verstehen« (18) – ganz egal, ob es sich um ein archäologisches Artefakt handelt oder um Metaphysik, um das Unbewusste oder um ein besonderes technisches Medium. »In jeder Archäologie konstruiert der Archäologe (und mit ihm eine ganze Kultur) einen fehlenden Gegenstand, der alles andere verständlich macht. Archäologie heißt also zunächst die Kunst der Konstruktion eines missing link zum Selbst.« (18) Die Archäologie ist für Ebeling demnach nichts anderes als ein Name für die Suche nach den gegenwärtigen kulturellen Konstruktionen von »Verborgenheit« in einer Kultur; d.h. sie ist »die Kunst der Konstruktion von verborgenen Objekten, in denen sich eine Kultur ihre Bedeutung zuflüstert« (18). Wenn also einer bestimmten Epoche die Hinterlassenschaften der Antike äußerst wichtig waren, so sagen dieses archäologisches Interesse und die entborgenen Artefakte nicht nur etwas über die vergangene Epoche und ihre materielle Kultur aus, sondern darüber hinaus auch etwas über die Epoche der Grabenden.

Archäologie ist für Ebeling die Konstruktion einer Suche, die eine Bedeutung zuallererst produziert: »Sie ist die Kunst, nach einem Anderen zu suchen, um sich selbst zu finden – und diesem Anderen ständig neue Namen zu geben.« (19) Insofern lässt sich die Archäologie als »Agentin des Anderen« begreifen, denn »sobald man sie engagiert, muss man auf das Hereinbrechen des Anderen gefasst sein, das sich als unser Spiegelbild entpuppt«. Als »Herold anderer Zeiten« kann man sie mit Ebeling als die »Überbringerin von Heterochronien« bezeichnen, »die das Andere in unsere Zeit einführt« (19) und, wie Foucault es formuliert hat, »das Andere in der Zeit unseres eigenen Denkens zu denken« (Foucault 1981: 23).

Daran schließt sich die These des vorliegenden Buches an, wonach die verschiedenen theoriegeschichtlichen Innovationen des 20. Jahrhunderts – die sich mit cultural, spatial oder topographical turns ebenso verbinden lassen wie mit den Schlagworten ›Archiv‹, ›Gedächtnis‹, ›Medien‹ – sich dem »Wechsel der Grundlagendisziplin von Geschichte zu Archäologie« (20) verdanken. Es ist die Archäologie und eben nicht mehr die Geschichte, die das Dispositiv der wissenschaftlichen Avantgarden im 20. Jahrhundert bildet. Das abgelaufene Jahrhundert, so Ebeling, war »besonders produktiv in der Formulierung neuer archäologischer Projekte außerhalb der klassischen Archäologie«, weshalb er auch von dem »archäologische[n] Jahrhundert« spricht (19). Damit meint er die kulturellen Großprojekte von Freud, Benjamin und Foucault bis hin zur Archäologie der Medien von Friedrich Kittler, während er Kants Archäologie der Metaphysik als philosophisches Vorspiel ansieht.

Mit Nietzsche stellt sich dann die Frage, wie sich die Philosophie zur Geschichte verhalten soll (zweite Unzeitgemässe Betrachtung: Vom Nutzen und Nachtheil der Historie fürs Leben (1874)). Kann es eine Philosophie des Gedächtnisses außerhalb des Subjekts geben? Und kann es ein Denken der Vergangenheit geben, das, wie Ebeling es ausdrückt, ohne Geschichtsbuch auskommt? Die vorliegende Monographie antwortet auf diese Herausforderung im Sinne einer ›forschenden Philosophie‹, wie sie Ulrich Johannes Schneider vorgeschlagen hat (Schneider 2004). Die von Ebeling minutiös untersuchten Archäologien würden die Frage nach einer Philosophie ohne Geschichtsbuch so angehen, dass sie die Aufmerksamkeit auf das unauffälligste Glied des Satzes verschieben: auf das Medium Buch. »Man hat oft betont, dass das Buch als kanonisches Medium der abendländischen Erzählung deren chronologische und historische Ordnung nach sich zieht – weswegen alternative Geschichtsschreibungen notwendig auch mit der Form des Buches kollidieren müssen. Nichts macht diese Kollision deutlicher als die verzweifelte Figur Benjamins vor der Unmöglichkeit, zu einer endgültigen Anordnung des Passagen-Werks zu gelangen.« (22) Im gleichen Sinne schreibt Sergej Eisenstein, dass es »schwer [sei], ein Buch zu schreiben«, und zwar aus dem Grund, »[w]eil jedes Buch zweidimensional ist«. Und weiter heißt es bei Eisenstein:

»Ich wollte aber, daß sich dieses Buch durch eine Eigenschaft auszeichnet, die keinesfalls in die Zweidimensionalität eines Druckwerkes paßt. Diese Forderung hat zwei Seiten. Die erste besteht darin, daß das Bündel dieser Aufsätze auf gar keinen Fall nacheinander betrachtet und rezipiert werden soll. Ich wünschte, daß man sie alle zugleich wahrnehmen könne, weil sie schließlich eine Reihe von Sektoren darstellen, die, auf verschiedene Gebiete ausgerichtet, um einen allgemeinen, sie bestimmenden Standpunkt – die Methode – angeordnet sind. Andererseits wollte ich rein räumlich die Möglichkeit schaffen, daß jeder Beitrag unmittelbar mit einem anderen in Beziehung tritt […]. Solcher Synchronität und gegenseitigen Durchdringung der Aufsätze könnte ein Buch in Form […] einer Kugel Rechnung tragen […]. Aber leider […] werden Bücher nicht als Kugeln geschrieben.« (Eisenstein 1996: 31f.)

Während Eisenstein von einem »kugelförmigen Buch« träumte, arbeiten die von Ebeling vorgestellten Kulturarchäologen an einem transversalen Denken, das Zeit und Raum neu ordnet.

Ebelings ebenso voluminöses wie geistreiches Buch verdeutlicht, dass sich der diagnostizierte Wechsel von der Geschichte zur Archäologie an einem jüngeren Schauplatz der Medien- und Kulturtheorie konzentriert: am Archiv. Das Archiv ist für Ebeling dasjenige innerhalb der gegenwärtigen kulturtheoretischen Diskussion, in dem sich dieser Wandel am stärksten verdichtet. Das Archiv verspricht eine Geschichtstheorie, die von der Repräsentation der Vergangenheit auf deren Codierung umschaltet. Es wird demnach nicht mehr gefragt, was wann passierte, sondern wie dieses Bild des Geschehens hat entstehen können. Es geht dabei um die Formation des Wissens, des wirksamen Wissens, »das nicht Ergebnis eines Prozesses ist, sondern sein Auslöser und Produzent«: Welche Diskurse, Mächte und Techniken formier(t)en dieses oder jenes Bild der Vergangenheit, diese oder jene Vorstellung von Geschichte?

Völlig konträr zu dem kulturphilosophischen Ansatz von Ebeling stehen die Überlegungen Dietmar Schenks, der als Leiter des Archivs der Universität der Künste in Berlin die archivische Praxis mit dem ›Geist‹ des Historikers verbinden will. In seiner Kleinen Theorie des Archivs (2008, 2. Aufl. 2014) versucht Schenk die »Praxis des Archivierens in ihren Elementen sichtbar« zu machen und so »ein Kontinuum der Archivarbeit« aufzuzeigen, »das die Nutzer der Archive und die berufstätigen Archivare umgreift« (15). Seine Theorie kommt fast ohne Foucault, Derrida und Agamben aus, die nur an zwei Stellen erwähnt werden und denen er vorwirft, einzelne Punkte isoliert und absolut gesetzt zu haben, z.B. den medialen Charakter des Archivs.

Schenk will dicht an das Archiv der Historiker heran, um von der Struktur des Archivs und dem Alltag des Archivars ausgehend, eine Brücke zwischen Archiv- und Geschichtswissenschaften zu schlagen. Das Interesse gilt dabei der »Idee und Institution des historischen Archivs« (20), die er in ihrer Ganzheitlichkeit wieder in die Debatte zurückführen will. Historische Archive begreift er als »Institutionen der Geschichts- und Erinnerungskultur«, wobei sich die Praxis des Archivierens nur dann verstehen lasse, »wenn man weiß, was geschichtliche Erfahrung ist« (25). Statt mediale Aspekte zu beleuchten, sieht Schenk einen kritischen Geist für notwendig an, der der Archivarbeit letztlich den richtigen Sinn verleiht: »Die Historiker fügen ihr [der Praxis des Archivierens] den Geist einer methodisch geübten Kritik hinzu.« (25) An exponierter Stelle – am Ende des zentralen Kapitels »Gedächtnis und Archiv« – spricht Schenk von der kritischen Einstellung und der Aufgabe des Historikers, durch das Wissen der Archive »auf dem Feld der Geschichte das Gedächtnis zu überschreiten und es auf diese Weise zu ergänzen, zu korrigieren und zu bereichern« (44). In Allgemeinheiten wie diese münden die Ausführungen dann auch immer wieder, z.B. wenn es am Ende heißt: »Die historische Arbeit besitzt eine Eigendynamik, die ihren Antrieb aus der Neugierde, aber auch der Wahrheitsliebe der Menschen bezieht. Mit dieser Motivation setzt sie, den jeweils erreichten Stand der Kenntnisse verwerfend, immer von neuem an.« (108)

Dass auch Archive eine Geschichte haben, thematisiert Schenk in seinem zweiten Buch über die Archive: »Aufheben, was nicht vergessen werden darf«. Archive vom alten Europa bis zur digitalen Welt (2013). Archivalien sind einerseits dem Wandel der Dinge enthoben und garantieren so den Blick in die Vergangenheit. Archive aber, als Institutionen und Ordnungssysteme, verändern sich mit der Geschichte und sind deshalb auch nicht wertfrei. Während sich im alten Europa die Archive mit der Expansion pragmatischer Schriftlichkeit zu entwickeln begannen und im 18. bzw. 19. Jahrhunderts dann von der Geschichtsschreibung entdeckt wurden, bilden sie seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts neben Museum und Bibliothek die Instanz des Erinnerns. Gerade in dem Augenblick, in dem die Gesellschaft dazu übergeht, Speichersysteme durch Informationsabrufsysteme zu ersetzen, d.h. Daten nicht mehr in Archiven abzuspeichern, sondern aus dem World Wide Web abzurufen und ständig zu aktualisieren, geht das historische Gedächtnis verloren. Mit der Veränderung der archivischen Praxis hängt auch ein Wandel des Archivbegriffs zusammen, denn als Archive werden inzwischen alle auf Webseiten gespeicherten Informationen verstanden.

Als Archivar sieht Schenk den Archivbegriff von verschiedenen Seiten in Anspruch genommen, von der Kulturtheorie, den Medienwissenschaften und schließlich auch von der Philosophie und der Philologie. Es sei deshalb an der Zeit, so Schenk, »dass die Archivistik in den vielstimmig gewordenen Debatten ums Archiv ihre Stimme erhebt.« (15) Was aber kann der Archivar in diese Debatte einbringen? Was er einbringen kann – und das ist nicht wenig – ist, die spezifische Funktion der Archive aufzuzeigen. Was Schenk dazu anbietet, ist eine Geschichtsschreibung anhand des Umgangs mit und der Funktion von Archiven.

Die Geschichte der Archive lässt sich nach Schenk grob in drei Zeiträume einteilen: eine Vorgeschichte, die das Mittelalter, die Renaissance und die Aufklärung umfasst, dann die »Epochenschwelle« um 1800, die in das »Zeitalter der historischen Bildung« überleitet und eine Art ›Sattelzeit‹ darstellt, und schließlich das 20. Jahrhundert mit der Politisierung des Archivs (verhandelt unter dem Titel »Zwischen Demokratie und Diktatur«). Dem folgt abschließend ein Ausblick in dessen zukünftige Entwicklung vor dem Hintergrund des digitalen Wandels. Konkret heißt das, dass die Archive der Vorgeschichte im Dienst von »Recht, Verwaltung und Geschäft« standen, d.h. die Fürstenstaaten bewahrten die Registraturen ihrer Kanzleien und Behörden im Sinne des »Geheimen Archivs«, um dem jeweiligen Herrn, wie Wolfgang Bender es formuliert, als »schriftliche Waffe in der Hand des regierenden […] Hauses« (69) zur Verfügung zu stehen. Immer wieder werden interessante historische Beispiele eingeflochten – auch das wäre ein erwähnenswerter Beitrag – wie der zu den Urkundenfälschungen. Zwar war man sich im Mittelalter durchaus bewusst, dass es viele Fälschungen gab, doch seit dem 17. Jahrhundert war es wesentlich leichter, die Echtheit von Urkunden zu überprüfen und unechte Dokumente der Fälschung zu überführen.

Ende des 18. Jahrhunderts wurden mit der Auflösung der deutschen Kleinstaaten die Archive zusammengelegt, und in Frankreich gründeten die Revolutionäre die Archives Nationales. Ein 1794 erlassenes Dekret regelte dort die wichtigsten Grundfragen des Archivwesens: »die Zentralisierung der Archivverwaltung, die Pflege des kulturellen Erbes, den Zugang zu den Archivalien für alle« (87). Mit der proklamierten Freiheit der Wissenschaft wurde auch die Einsicht in historische Quellen möglich (was allerdings nur zum Teil richtig ist). Die Archive – und das begründet nach Schenk das »Zeitalter der historischen Bildung« – gingen von den Juristen in die Hände der Historiker über (vgl. 108). Im Laufe des 19. Jahrhunderts setzte sich in den deutschen Archiven das Provenienzprinzip durch, d.h. die Ordnung entsprechend der Herkunft der Unterlagen, und die sich emanzipierende Archivwissenschaft gab sich ihren eigenen Gegenstand: »die geschichtlich gewachsene Struktur der Archive und ihrer Bestände« (115). – In die Nachfolge der großen Archiv-Klassiker wie dem Buch Archivkunde von Adolf Brenneke (1953) will sich dann auch Schenks Studie einreihen.
Bei der Betrachtung der Archive im 20. Jahrhundert steht deren politischer Gebrauch bzw. Missbrauch im Vordergrund. Archive gerieten zunehmend in die Auseinandersetzungen zwischen Diktatur und Demokratie, und zwar nicht nur im Zuge der nationalsozialistischen Machtergreifung und ihrer Rassenpolitik, sondern auch beim Zusammenbruch kommunistischer Regime. So versuchten die Mitarbeiter des MfS noch kurz vor dem Untergang der DDR belastendes Aktenmaterial zu beseitigen, während die aufgebrachten Volksmassen und Bürgerbewegungen die Stasi-Zentralen besetzten, um die Aktenvernichtung zu verhindern. Kaum zu einer anderen Zeit und an einem anderen Ort ist deutlich geworden, welche gesellschaftspolitische Relevanz dergleichen Akten eigentlich besitzen. Aber auch die anderen herangezogenen Beispiele, d.h. Polen, Rumänien, Südafrika und Lateinamerika zeigen, »dass der Zugang zu archivischem Wissen in einer modernen Demokratie ein unverzichtbarer Anspruch ist, den insbesondere den Betroffenen der jeweiligen Aktenführung mit gutem Recht erheben« (162). Entsprechend fasst Schenk zusammen, dass die »elementare politische Funktion des Archivs«, die im Kern zugleich eine aufklärerische sei, eine enorme Aktualität besitze. Letztlich zeugen die Kämpfe um den Zugang zu den Archiven davon, dass die Verfügungsgewalt über sie zugleich politische Macht bedeutet. Deshalb ist die Frage ›Wem gehören die Archive?‹ eine der politischen Grundfragen. Eindrucksvoll schildert Schenk am Beispiel der Virgin Islands, deren Bewohner ohne Archivalien leben, da diese von den dänischen Kolonialherren abtransportiert wurden, wie die Bevölkerung über mündliche Erzählungen und Bildung einer Archiv-Gemeinschaft dennoch ihr historisches Gedächtnis bewahrt hat, und am Beispiel des Ringelblum-Archivs, das 1940 im Warschauer Ghetto begonnen wurde und deren Dokumente schließlich in Milchkannen und anderen Behältern vergraben wurden, zeigt er auf, was es bedeutet, Geschichte aus der Perspektive der zum Tode Verurteilten zu schreiben. Denn, so ließe sich als Fazit dieses sehr interessanten und materialreichen Buches festhalten: Je vielfältiger »aufgehoben« wird, desto »differenzierter kann die Vergangenheit betrachtet werden« (212).

Im Ganzen genommen verdeutlichen die hier besprochenen Bücher vor allem eins: Um Kulturgeschichte und selbst Kulturphilosophie, so theoretisch sie sein mag, betreiben zu können, ist man notwendig auf die Arbeit und das Wissen der Archivare und Archivnutzer angewiesen. Hinter der Theorie des Archivs und dem Archivdenken verbirgt sich keine schlichte Rückkehr zur Geschichte oder ein neuer ›historical turn‹; die Theorie des Archivs erfordert, mit Foucault gesprochen, ›eine ganz andere Geschichte‹ als die der Historiographie.

Literatur:

Agamben, Giorgio (2009): »Philosophische Archäologie«, in: ders.: Signatura rerum. Zur Methode, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2009, S. 101-138.
Eisenstein, Sergej (1996), in: Oksana Bulgakowa: Sergej Eisenstein – drei Utopien. Architekturentwürfe zur Filmtheorie, Berlin: Potemkin Press 1996.
Foucault, Michel (1981): Archäologie des Wissens, Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Foucault, Michel (1987): »Nietzsche, die Genealogie, die Historie«, in: ders.: Subversion des Wissens, Frankfurt a. M.: Fischer 1987, S. 69-90.
Schneider, Ulrich: Michel Foucault, Darmstadt: Wiss. Buchgesellschaft 2004.


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