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Jakob Mauvillon

Aufklärer, Freigeist und Religionskritiker

Der zunächst in Kassel (1771-1784) und dann (ab 1784) am Braunschweiger Collegium Carolinum als Professor für Kriegswissenschaft tätige Jakob Mauvillon (1743-1794), Sohn des aus Frankreich stammenden Éléazar de Mauvillon (1712–1779), war ein äußerst vielseitiger Autor, der sich immer wieder wichtigen Themenbereichen der Aufklärung zuwandte. Er verfasste staatspolitische, historische, militärwissenschaftliche und ökonomische Schriften, wie z. B. die Physiokratischen Briefe an den Herrn Professor Dohm (1780) und ferner religionskritische Untersuchungen wie Das einzige wahre System der christlichen Religion (1787) und Abhandlungen über die Stellung der Frau (Mann und Weib nach ihren gegenseitigen Verhältnissen geschildert, 1791). Aber auch sein umfangreiches Übersetzungswerk (u. a. Abbé Raynals Geschichte beider Indien, 1774-78, Turgots Untersuchung über die Natur und den Ursprung der Reichthümer, 1775, oder Ariosts Orlando furioso, 1777-78) verdient ebenso wie seine literaturkritischen und theatergeschichtlichen Schriften (Freundschaftliche Erinnerung an die Kochische Schauspielergesellschaft in Leipzig, 1766; zus. mit Ludwig August Unzer: Ueber den Werth einiger Deutschen Dichter und über andere Gegenstände den Geschmack und die schöne Litteratur betreffend, 1771-72 und Dramatische Sprüchwörter, 1785) Aufmerksamkeit. Mauvillon hatte zudem mehr oder minder enge Kontakte zu bedeutenden Zeitgenossen wie dem französischen Revolutionär Mirabeau, für den er als gleichsam als Ghostwriter arbeitete, dem Freiherrn Adolph von Knigge, dem Gelehrten Johann Joachim Eschenburg, den er für die Illuminaten anwarb, sowie zu dem Publizisten und Diplomaten Christian Konrad Wilhelm Dohm. Darüber hinaus war er als Mitglied der Kasseler Loge Zum gekrönten Löwen seit 1775 ein aktiver Freimaurer, von 1779 bis 1793 Mitglied der Loge Friedrich zur Freundschaft und fungierte seit 1782 als deren „Bruder“ Redner; 1780 wurde er Illuminat (unter dem Ordensnamen Arcesilaus) (vgl. Engel 1906, 404ff.).

Die Forschungen der letzten Jahre, als deren biographischer Grundlagentext weiterhin die Monographie von Jochen Hoffmann (1981) anzusehen ist, haben die Quellenbasis und das Verständnis der Netzwerke, in denen sich Mauvillon bewegte und wirkte, maßgeblich erweitert, aber das Thema keineswegs erschöpft (vgl. Hüning 2010). Zu Mauvillons Bedeutung für die Nationalökonomie liegen vor allem ältere Studien vor (Herz, 1907; Gsedl, 1926), und Heinrich Blume veröffentlichte 1908 eine längere Abhandlung über die von Mauvillon gemeinsam mit Unzer verfasste Schrift Ueber den Werth einiger Deutschen Dichter (1771/72). Auf die literaturkritischen Beiträge Mauvillons haben sich während der letzten fünf Jahre dann auch meine eigenen Forschungen zu diesem „ästhetischen Freigeist“ konzentriert, bei denen es mir vorrangig darum ging, seine Rolle als Kunstrichter und Mitarbeiter der in Lemgo verlegten Auserlesenen Bibliothek der neuesten deutschen Litteratur zu untersuchen und die literaturhistorische Bedeutung der oben genannten Streitschrift Ueber den Werth einiger Deutschen Dichter herauszuarbeiten, deren kritische Neuedition derzeit von mir vorbereitet wird. Die genauere Erfassung der Vernetzung aufklärerischer Denker durch die Edition verschiedener Briefwechsel (z. B. von Michael Hißmann (2016) und Heinrich Friedrich Diez (2010), mit denen Mauvillon in Kontakt stand) hat in den letzten Jahren auch der Mauvillon-Forschung ganz neue Perspektiven eröffnet.

Bei meinem jetzt geplanten Forschungsprojekt geht es darum, Mauvillons Bedeutung als politischer Denker und philosophischer Freigeist im Sinne eines Radikalaufklärers (nach Israel, 2001) zu bestimmen. Dazu möchte ich mich in erster Linie mit Mauvillons philosophischen und staatspolitischen Schriften auseinandersetzen (Sammlung von Aufsätzen über Gegenstände aus der Staatskunst, Staatswirthschaft und neuesten Staatengeschichte, 2 Bde., Leipzig 1776/77; die im deutschen Museum 1778 erschienene Abhandlung „Ueber das Ich“), aber auch mit seiner religionsphilosophischen Schrift Das einzig wahre System der christlichen Religion (1787). Die Zielrichtung solcher zukünftigen Forschungen habe ich in meinem Aufsatz „Der sokratische Dämon als ‚Würgeengel der christlichen Religion‘? Ein bislang nicht ausgewerteter Brief Jakob Mauvillons an Michael Hißmann zum ‚Genius des Sokrates‘“ deutlich zu machen gesucht. In diesem Brief an Hißmann äußert Mauvillon unumwunden seine Intention, an der „Untergrabung des Christenthums zu arbeiten“, und er legt offen seine Gründe dafür dar. Sein dann im Deutschen Museum (1777) publizierter Beitrag „Vom Genius des Sokrates“ zeigte schon rasch über die damit angestoßene Debatte hinaus Wirkung. In die von mir geplante Untersuchung soll auch der in tendenziöser bzw. diffamierender Absicht erfolgte Abdruck von Briefen Mauvillons einbezogen werden, wie z. B. im reaktionären Periodikum Eudämonia sowie in der Wiener Zeitschrift, in der Leopold Alois Hoffmann eine Hetzkampagne gegen den Revolutions-Anhänger und „Verschwörer“ in Gang zu setzen suchte. Mauvillons Position soll dann im Kontext der religionsphilosophischen Debatten der Zeit (vgl. Mulsow 2007/2014, Winkler 2000) und politischen Polarisierungen dargestellt und philosophiegeschichtlich bewertet werden (dazu Schneider 2008).

Parallel zu diesem Forschungsvorhaben arbeite ich gemeinsam mit dem Oxforder Germanisten Kevin Hilliard eine Edition aller bislang bekannten Briefe Mauvillons. (Nur ein sehr kleiner Teil seiner Korrespondenz ist 1801 von seinem Sohn Friedrich Wilhelm publiziert worden.) Bis zum jetzigen Zeitpunkt konnten wir 266 Briefe ausfindig machen, die einen bislang unbekannten Beziehungskosmos der Aufklärung aufdecken und ein engmaschiges Netzwerk von Kontakten offenbaren. Die Edition wird in der Reihe „Werkprofile: Philosophen und Literaten des 17. und 18. Jahrhunderts“ bei de Gruyter erscheinen.

Am 10. und 11. Oktober 2019 habe ich gemeinsam mit den Aufklärungsforschern Dieter Hüning und Gideon Stiening in Wolfenbüttel eine internationale Tagung mit dem Thema „Jakob Mauvillon (1743-1794) und die deutschsprachige Radikalaufklärung“ organisiert, auf der das umfangreiche Werk Mauvillons aus verschiedenen Perspektiven untersucht wurde.

Bisherige Publikationen zu Jakob Mauvillon:

Vom Allgemeinen zum Auserlesenen. Die Lemgoer Auserlesene Bibliothek der neuesten deutsche Litteratur (1772-1781) als „gefährliche Nebenbuhlerin“ der Berliner Allgemeinen Deutschen Bibliothek, in: Waseda Blätter 21 (2014), S. 7-26.

Rezensionen über Rezensionen. Die Besprechungen von Goethes Theaterstücken in der Lemgoer Auserlesenen Bibliothek und im Magazin der deutschen Kritik, in: Goethe-Jahrbuch 132 (2015), S. 141-150.

Eine bislang übersehene, erste „Balanz der deutschen Dichter“ (1772),  in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 90/2 (2016), S. 211-228.

Das „abgeschmackte“ deutsche Publikum und seine „Gellertomanie“. Ludwig August Unzers und Jakob Mauvillons ‚Dichterbriefe‘ und deren Verteidigung durch Christian Rautenberg, in: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft 60 (2016), S. 3-38.

Der sokratische Dämon als „Würgeengel der christlichen Religion“? Ein bislang nicht ausgewerteter Brief Jakob Mauvillons an Michael Hißmann zum „Genius des Sokrates“, in: Das 18. Jahrhundert 41/1 (2017), S. 28-45.

„[M]an kan sich in dem Punkt nichts vortreflicheres gedenken“. Jakob Mauvillons Rezensionen zu J. M. R. Lenz im Kontext der zeitgenössischen Kritik, in: Lenz-Jahrbuch 24 (2017), S. 29-54.

Die Lemgoer Auserlesene Bibliothek der neuesten deutschen Litteratur (1772-1781) und ihre allzu lange übersehenen Mitarbeiter, in: Euphorion 112/1 (2018), S. 117-137.

Ein Freigeist „in Sachen des Genies“. Jakob Mauvillon als Kritiker von Goethe und Lenz, in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur (IASL) 43/2 (2018), S. 255-288.

Literaturverzeichnis

Blume, Heinrich: Jakob Mauvillons und Ludwig August Unzers „Ueber den Werth einiger Deutschen Dichter und über andere Gegenstände den Geschmack und die schöne Litteratur betreffend. Ein Briefwechsel.“ 2 Stücke, Frankfurt und Leipzig, 1771/72 als Vorläufer der Sturm- und Drangperiode. In: XXXVIII. Jahresbericht des Kaiser Franz Josef-Staatsgymnasiums zu Freistadt in Oberösterreich für das Schuljahr 1908. Freistadt: Verlag des k.k. Staats-Realgymnasiums 1908, S. 3–36.

Berkvens-Stevelinck, Christiane, Hans Bots, Jens Häseler (Hg., 2005): Les grands intermédiaires culturels de La République des Lettres. Etudes de réseaux de correspondance du XVIe au XVIIIe siècle. Paris: Champion.

Diez, Heinrich Friedrich (2010): Frühe Schriften, hg. von Manfred Voigts. Würzburg: Königshausen & Neumann.

Engel, Leopold (1906): Geschichte des Illuminatenordens. Ein Beitrag zur Geschichte Bayerns, Berlin: Bermühler (insbes. S. 404 ff.)

Gsedl, Oscar Heinz (1926): Mauvillon und seine volkswirtschaftlichen Anschauungen. Dissertation an der Universität zu Frankfurt, Köln: Paffenholz.

Herz, Rubin (1908): Jakob Mauvillon und seine Stellung in der Geschichte der Nationalökonomie, Frankfurt/M.: Golde (zugl. Dissertation, Universität Bern 1907).

Hißmann, Michael (2016): Briefwechsel, hg. von Hans-Peter Nowitzki, Udo Roth, Gideon Stiening, Falk Wunderlich. Berlin: de Gruyter.

Hüning, Dieter (2010): Art. Mauvillon, Jakob Eléazar. In: Heiner F. Klemme, Manfred Kuehn (Hg.): The Dictionary of Eighteenth Century German Philosophers. London/New York, 2 Bde., S. 328–330.

Israel, Jonathan (2001): Radical Enlightenment: Philosophy and the Making of Modernity, 1650–1750, Oxford: OUP.

Israel, Jonathan (2011): Democratic Enlightenment: Philosophy, Revolution, and Human Rights, 1750-1790. Oxford: OUP.

Hoffmann, Jochen (1981): Jakob Mauvillon: Ein Offizier und Schriftsteller im Zeitalter der bürgerlichen Emanzipationsbewegung. Berlin: Duncker & Humblot.

Mulsow, Martin (2007): Freigeister im Gottsched-Kreis: Wolffianismus, studentische Aktivitäten und Religionskritik in Leipzig 1740-1745. Göttingen: Wallstein.

Mulsow, Martin (2014): „Deismus. Radikale Religionskritik“, in: Grundriß der Geschichte der Philosophie: Die Philosophie des 18. Jahrhunderts, hg. von Helmut Holzhey und Vilem Mudroch, 5 Bde. Basel: Schwabe 2004. V: Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation, Schweiz, Nord- und Osteuropa, S. 345-369.

Schneider, Ulrich Johannes (2008): Kulturen des Wissens im 18. Jahrhundert. Berlin: de Gruyter.

Winkler, Gisela (2000): Die Religionsphilosophie von Jakob Mauvillon in seinem Hauptwerk „Das einzige wahre System der christlichen Religion“. Bochum: MultiLingua-Verlag (zugl. Dissertation, Universität Bochum 1999).

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