arne klawitter

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Die Autobiographie

Die Autobiographie. Zu Form und Geschichte einer literarischen Gattung. 2. um ein Nachw. zur Neuausg. und einen bibliogr. Nachtrag erg. Aufl. Hrsg. von Günter Niggl

Darmstadt: Wiss. Buchgesellsch. 1998. VII, 626 S. 78,– DM

Inhalt

  • Niggl: Einleitung.

Theoretischer Teil

  • Dilthey: Das Erleben und die Selbstbiographie (1906-1911/1927); G. Misch: Begriff und Ursprung der Autobiographie (1907/1949); H. Glagau: Das romanhafte Element der modernen Selbstbiographie im Urteil des Historikers (1903); W. Mahrholz: Der Wert der Selbstbiographie als geschichtliche Quelle (1919); W. Shumaker: die englische Autobiographie. Gestalt und Aufbau (1954); G. Gusdorf: Voraussetzungen und Grenzen der Autobiographie (1956); R. Pascal: Die Autobiographie als Kunstform (1959); W. Segebrecht: Über Anfänge von Autobiographien und ihre Leser (1969); I. Aichinger: Probleme der Autobiographie als Sprachkunstwerk (1970); J. Starobinski: Der Stil der Autobiographie (1970); Ph. Lejeune: Der autobiographische Pakt (1973/1975); E.W. Bruss: Die Autobiographie als literarischer Akt (1974).

Historischer Teil

  • Lehmann: Autobiographien des Lateinischen Mittelalters (1953); U. Müller: Thesen zu einer Geschichte der Autobiographie im deutschen Mittelalter (1977/1979); A. Rein: Über die Entwicklung der Selbstbiographie im ausgehenden deutschen Mittelalter (1919); T.C.P. Zimmermann: Bekenntnis und Autobiographie in der frühen Renaissance (1971); G. Niggl: Zur Säkularisation der pietistischen Autobiographie im 18. Jh. (1974); J. Voisine: Vom religiösen Bekenntnis zur Autobiographie und zum intimen Tagebuch zwischen 1760 und 1820 (1974); A. Schmücker: Anfänge und erste Entwicklung der Autobiographie in Rußland (1760-1830) (Originalbeitr. 1982); K.-D. Müller: Die Autobiographie der Goethezeit. Historischer Sinn und gattungsgeschichtliche Perspektiven (1976); V. Hoffmann: Tendenzen in der deutschen autobiographischen Literatur 1890-1923 (Originalbeitr. 1980); H.R. Picard: Die existentiell reflektierende Autobiographie im zeitgenössischen Frankreich (1978).

Bibliographie

  • Nachtrag zur Bibliographie; G. Niggl: Nachwort zur Neuausgabe; Register – Personen, Sachen.

Die Autobiographie bildet seit mehr als zehn Jahren eines der Schwerpunkte der literaturtheoretischen Diskussion im angelsächsischen Raum und es hatte einige Zeit gedauert, bis der Funke auf die germanistische Forschung übergesprungen ist, obgleich die deutsche Geisteswissenschaft sich bereits am Anfang des Jahrhunderts dem Problem der Autobiographie zuwandte. Der von G. Niggl herausgegebene Sammelband verschiedener theoretischer Aufsätze, dessen erste Auflage bereits 1989 erschienen ist, verspricht nicht nur, einen umfassenden historischen Abriß einer mit Dilthey begonnenen Debatte zu bieten, sondern auch den Anschluß an englische und französische Lektüren zu finden, die sich an neuere Theoriekonzepte orientieren. Aus diesem Grund erweist sich dieser Band als unverzichtbar für das Studium der Autobiographie. Der erste, theoretische Teil enthält wichtige Ansätze zur Beschreibung der Autobiographie als Gattung. Sie reichen von Diltheys Kategorien des Erlebens und der Bedeutung über den Wert der Autobiographie als ein Dokument der Geschichte bis hin zu formalen Eingrenzungen dessen, was im Gegensatz zu Biographien oder Memoiren als „echte Autobiographie“ gelten kann.

Nach ihrem Hervortreten als eigenständige Gattung erlebt die Autobiographie mit Dilthey eine erhebliche Aufwertung. Sie wird als „Wurzel allen geschichtlichen Auffassens“ (S. 29) beschrieben, als „Stamm […] von dem sich die anderen Geisteswissenschaften abgezweigt haben“ (vgl. S. 42) und als „die höchste und am meisten instruktive Form, in welcher uns das Verstehen des Lebens entgegentritt“ (S. 28). Dilthey begreift die Autobiographie einerseits aus dem Ansatz des Entwicklungsromans heraus, andererseits aus der Biographie als Darstellung eines individuellen Lebens, vereint mit der Idee der Selbsterkenntnis. Als höchste Form der Selbstbesinnung koppeln sich in der Autobiographie das Erlebnis und der Sinn eines Lebens als dessen Bestimmung, um schließlich im abgeschlossenen und bedeutungsvollen Lebensverlauf aufzugehen. Misch und Mahrholz setzen diese Tradition fort, wenn sie zum einen die Geschichte des Lebens als Ganzes auffassen, „das seine Bedeutung in sich trägt“ und in welchem „alle Tatsachen und Gefühle, Handlungen und Reaktionen, die er [der Autor – A.K.] aus dem Gedächtnis hervorzieht, die Vorfälle, die ihn erregten, die Menschen, denen er begegnete, ihren bestimmten Platz [haben], dank ihrer Bedeutung für das Ganze“ (S. 41); oder wenn Mahrholz meint, gerade die eigene Lebensbeschreibung führe „am nächsten an das wirklich gelebte Leben“ heran (S. 73).

Um die Geschichte der Theorie von der Autobiographie weiterzuverfolgen, sind drei richtungsweisende Essays aus den 50er Jahren versammelt. Shumaker vertritt die Auffassung, daß nicht die Stoffe, sondern die aus Proportionen und Bezügen bestehende Gestalt der Autobiographie ihren wesentlichen Gehalt ausmacht. Damit war der Weg gewiesen, der die Autobiographie als eine Kunstform bestimmt und nicht als eine geschichtliche Quelle oder als eine intime Form des Verstehens. Pascal hat die Frage der Kunstform aufgegriffen und behauptet, daß eine Autobiographie nur dann zum Kunstwerk wird, „wenn sie in sich selbst ruht, wenn sie lediglich um ihrer selbst willen gelesen werden kann“ (S. 149). Was sich hier bereits andeutet, ist das Moment der Selbstreflexivität sprachlicher Zeichen. Aber es sei gerade im Falle dieser Gattung zu beobachten, so Pascal, daß sich Kritiker nur unter äußerster Vorsicht zur These vorwagen, die Autobiographie führe ein „eigenständiges Dasein“ (Ebd.), weil stets ein menschliches Subjekt im Mittelpunkt des Textes steht und ein gleichzeitiges Studium des Lebens und der Hauptwerke des Autors erzwingt. Gusdorf hingegen befaßt sich mit den zeitlichen und räumlichen Grenzen der Autobiographie, um so die „notwendigen Existenzbedingungen“ für ein solches Unterfangen zu beleuchten (S. 121). Sein Blick ist weitreichend: Er umfaßt eine historische wie eine soziale Betrachtung des Phänomens und mündet schließlich im Versuch, eine Geschichte des neuzeitlichen Subjekts als Grundlage für die Herausbildung jener subjektiven Lebensbeschreibung zu erstellen, nicht ohne Lacans Bemerkungen zum Spiegelstadium einen beträchtlichen Wert beizumessen: „Das Subjekt, das sich selbst als Objekt nimmt, kehrt die natürliche Blickrichtung um; es verletzt dadurch sozusagen bestimmte geheime Tabus der menschlichen Natur. […] Das Bild ist ein anderes Ich, ein Double meines Wesens, doch ist es empfindlicher und verletzlicher, es ist mit einer Unantastbarkeit ausgestattet , die es zugleich fesselnder und beängstigender macht“ (S. 126). Das ist zugleich die Voraussetzung der Autobiographie und eine ihrer Gefahren. Im Anschluß daran werden verschiedene Darstellungsformen diskutiert. Bei Augustinus ginge es um die Geschichte einer Seele, die, getrieben durch eine angstvolle Sorge, bestrebt ist, die durch die Sünde verlorene Zeit wieder einzufangen und mit der Erzählung vor Gott einen Bruch im Leben anzukündigen. Jean Pauls „Wahrheit aus meinem Leben“ sei im Gegensatz dazu (wie schon Rousseaus „Bekenntnisse“) Ausdruck der Innerlichkeit eines persönlichen Lebens. Goethe wiederum geht es um den Bezug eines Ichs, dessen Identität gesetzt ist, zu dessen Umwelt. Als Ansatzpunkt für eine mögliche Kritik der autobiographischen Projekte schlägt Gusdorf vor, die Aufmerksamkeit auf den „beträchtliche[n] Abstand“ zu richten, der „zwischen dem eingestandenen Vorhaben […], ganz einfach die Geschichte eines Lebens nachzuzeichnen, und ihren tieferen Absichten, die auf eine Art Apologie oder Theodizee des persönlichen Wesens zielen“, liegt, denn „dieser Abstand erlaubt es, die Hilflosigkeiten und Widersprüche dieser literarischen Gattung zu verstehen“ (S. 136). Diesen Vorschlag scheint Starobinskis Aufsatz, der unbedingt hervorgehoben werden sollte, am meisten zu beherzigen, wenn hier die Auffassung vom Stil als Abweichung derjenigen vom Stil als „einem Hintergrund beigefügte Form“ (S. 203) geschieden und für die Analyse an Rousseaus „Bekenntnissen“ fruchtbar gemacht wird.

Neben den historisch-hermenteutischen Betrachtungsweisen kommen gleichermaßen strukturalistische Konzepte und sprechakttheoretische Fragestellungen zur Sprache und bieten so einen relativ weitreichenden Überblick über die möglichen Problemstellungen auf dem Feld dieser hybriden literarischen Form. Lejeunes These vom autobiographischen Pakt besagt, daß der Autor durch seine Unterschrift und die Kennzeichnung des Textes als Autobiographie mit dem Leser einen Vertrag eingehe, der ihm die Authentizität versichere. Der autobiographische Pakt birgt damit die „Identität des Namens (Autor-Erzähler-Figur)“ (S. 231), die laut Lejeune das entscheidende Kriterium einer Autobiographie sei. Doch wenn jener autobiographische Pakt tatsächlich „die Bestätigung dieser Identität im Text“ (Ebd.) sein soll, so muß zugestanden werden, daß wiederum ein Textäußeres als das Zentrum und Verankerungspunkt des Textes etabliert wird. Um dieser formalen Geschlossenheit zu entgehen, versucht Bruss die Autobiographie im Sinne der Sprechakttheorie als einen literarischen Akt zu beschreiben, dessen Performanz bestimmten Regeln unterliegt. Zwar gelingt es ihr nicht ganz, von den traditionellen Annahmen und Klischees wegzukommen, sie entkleidet die Autobiographie jedoch von der ihr aufgezwungenen Notwenigkeit, authentisch sein zu müssen: Das Gesagte müsse, so Bruss, in jedem Fall als wahr hingenommen werden. Es reiche allerdings aus, wenn man vom Autor erwarten könne, „daß er von seinen Aussagen überzeugt ist“ (S. 274). Mit diesem ironischen Schlenker endet die theoretische Debatte.

Obgleich sich der Band zur Aufgabe gemacht hat, über die traditionell-hermeneutischen Autobiographiekonzepten die Vielfalt der Methoden und Applikationen aufzuzeigen, macht er gerade vor solchen Ansätzen halt, von denen man sich neue Erkenntnisse versprechen könnte. Unverzichtbar schiene mir zum Beispiel der Aufsatz von P. de Man „Autobiographie als Maskenspiel“ (1979) (in: ders. Die Ideologie des Ästhetischen. Frankfurt 1993), und auch ein Blick nach Frankreich, wo Serge Doubrovski den Begriff der Autofiktion in die Diskussion brachte, hätte keineswegs geschadet. Stattdessen bleibt man bei Lejeunes doch recht altbackenen Paktmodell stehen, mit dem versucht werden soll, dort eine Grundlage – wenigstens virtuell – zu schaffen, wo längst die Brandung der Fiktion jeden Ansatz eines Fundaments unterspült hat.

Im Ganzen bietet das Buch einen guten Überblick über die Thematik, bleibt aber genau dort stehen, wo es heute interessant wäre, über Autobiographien nachzudenken.

Arne Klawitter (1999)


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