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Der Historiker Aug. Ludw. Schlözer

August Ludwig (von) Schlözer in Europa. Herausgegeben von Heinz Duchhardt und Martin Espenhorst, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2012.

Schlözer

 

Abb.: August Ludwig von Schlözer (05.07.1735-09.09.1809)

Der überwiegend von Historikern zusammengestellte Sammelband zeichnet mit seinen insgesamt 13 Aufsätzen ein vielschichtiges Porträt des 1809 in Göttingen verstorbenen Historikers, Publizisten und Politologen August Ludwig von Schlözer. Die Beiträge gehen auf eine mehrtägige Tagung zurück, die aus Anlass des 200. Todestages dieses bedeutenden Gelehrten der Aufklärungsepoche in Kirchberg an der Jagst (Gaggstatt), seinem Geburtsort, stattfand.

Schlözer setzte, wie Martin Espenhorst gleich zu Beginn des Bandes ausführt, „seine Prioritäten auf das disziplinierte Erkunden (kultur-)historischer Fakten und auf die Datenbeschaffung“ (S. 3) und sammelte ein immenses Wissen an, was ihn, vor allem auch wegen seiner mutigen Direktheit, zu einem schwierigen Gesprächspartner, zugleich aber zu einem Hoffnungsträger für alle machte, die Reformen in der Gesellschaft wünschten. Als Historiker interessierte ihn besonders die Geschichte Russlands und Schwedens. Die Zeit zwischen 1761 und 1770 verbrachte er in Russland, zunächst als Hauslehrer, dann als Dozent für russische Geschichte. Zurück in Göttingen, wo er zuvor studiert hatte, versuchte er, nachdem er 1769 einen Ruf an die dortige Universität für eine ordentliche Professur erhalten hatte, mit der Publikation seiner Vorlesung über Universalgeschichte (1772) im Fachgebiet der Weltgeschichte Fuß zu fassen, worin seine Göttinger Kollegen wie z. B. Johann Christoph Gatterer eine unwillkommene Konkurrenz zu ihren eigenen Vorlesungen sahen. Damit wurde das Gebiet der Weltgeschichte in dieser Zeit in Göttingen zu einem hart umkämpften wissenschaftlichen Terrain. Den Zenit seines Erfolgs erreichte Schlözer zwischen 1785 und 1787, doch gab die Französische Revolution ihm und seinen politischen Ideen keineswegs einen Schub, denn „zwischen die Stühle neu formierter politischer Gruppierungen geraten, setzte sein Rückzug ein, und er musste fürchten, dass seine und die Göttinger wissenschaftlichen Leistungen in Misskredit gerieten“ (S. 4).

Die Beiträge des Sammelbandes sind in fünf Bereiche gegliedert: Während im ersten Teil Schlözer als Slawist und Osteuropahistoriker betrachtet wird, behandelt der zweite seine Arbeiten als Staatsrechtler und Politologe, um sich im dritten Teil seinem Werk als Publizist und politischem Schriftsteller zuzuwenden. Der einführende Beitrag von Ulrich Muhlack versucht, einen biographischen Zugang zum Verständnis des „ganzen“ Schlözer zu bieten und eröffnet damit den Rahmen, der durch die Aufsätze der letzten zwei Teile wieder geschlossen wird, die sich mit der Dimension von Schlözers Gesamtwerk und mit seiner Biographie beschäftigen. Muhlack bezieht sich in seinen Ausführungen auf den von Arnold Herrmann Ludwig Heeren 1823 veröffentlichten sechsten Band seiner Historischen Werke, Biographischen und Litterarischen Denkschriften und legt besonderes Gewicht darauf, dass Schlözer bei Heeren nicht als Theoretiker der Weltgeschichte hervortritt, sondern als Lehrer der Politik und Statistik sowie als Publizist. Schlözers Bestimmung habe nicht darin gelegen, Geschichtsschreiber zu werden, sondern vielmehr ein politischer Schriftsteller. Das lässt sich vor allem anhand seiner Begriffe zeigen; so bezeichnete er beispielsweise die Mecklenburger Grundherren als „privilegierte Landesverräter“, und im Kontext seiner Kritik an dem 1782 in der Schweiz gegen Anna Göldi geführten Hexenprozess sprach er offen von einem „Justizmord“.

Bevor aber im zweiten Block der Beiträge die Bedeutung Schlözers als Staatsrechtler, Statistiker und Politologe zur Sprache kommt, wird zunächst einmal in drei Aufsätzen sein Verhältnis zu den slawischen Völkern behandelt, und zwar mit dem Schwerpunkt darauf, auf welche Weise er die slawischen Sprachen erlernt hat und auf welche Werke er dabei zurückgriff.

Hinsichtlich des politischen Systems verteidigte Schlözer die „gemischte“ Monarchie, wie er sie im Vereinigten Königreich und im Heiligen Römischen Reich verwirklicht sah, während er das Konzept der Föderation und die schweizerische Eidgenossenschaft ablehnte. Merio Scattola sieht Schlözer deshalb als „Gegner des Föderalismus und der kleinstaatlichen Demokratie“ (S. 87). Doch abgesehen von dieser Kritik würdigt er Schlözer in seinem Beitrag allein schon seiner Rolle wegen, die er in der Geschichte der Statistik gespielt hat, die im 18. Jahrhundert primär eine politische Statistik war, bevor sie sich in der Folgezeit zu einer mathematisch orientierten Statistik wandelte. Als Vertreter der systematischen Staatswissenschaften formulierte Schlözer die Idee einer „Metapolitik“, die den Zustand der Menschheit vor dem Staat oder unabhängig vom Staat beschreiben sollte, und förderte sowohl die Entwicklung des allgemeinen Staatsrechts als auch der Statistik. Doch habe er keine statistische Beschreibung im eigentlichen Sinne entwickelt, sondern vielmehr eine „Metatheorie der Statistik“ (S. 101), d. h. eine Epistemologie über die Statistik als Erkenntnisform.

In einem überaus lesenswerten Aufsatz untersucht Holger Böning Schlözers Umgang mit den Printmedien. Zeitungen, so sagte Schlözer einmal, seien „eines der großen Kulturmittel“ in Europa, und dieses Zitat nimmt Böning als Ausgangspunkt, um dem Leser den Publizisten Schlözer als Zeitungsleser, -liebhaber und -korrespondenten vorzustellen. Dabei geht es hauptsächlich um dessen Beiträge für den Altonaer Reichspostreuter, die er als Korrespondent aus Stockholm und anderen Städten Schwedens einsandte. Den Kulminationspunkt bildet dabei die Schilderung der von Erich Graf von Brahe angeführten Verschwörung, die dem König Adolf Friedrich mehr politischen Einfluss gegenüber den Reichsständen verschaffen sollte, und als sie fehlschlug dazu führte, dass Brahe enthauptet wurde. Schlözer war bei der Hinrichtung persönlich anwesend und berichtete als Augenzeuge für den Reichspostreuter von dem Ereignis (vgl. S. 141). Böning zeigt auf, wie die Beschäftigung Schlözers mit dem zeitgenössischen Nachrichtenwesen und seine Arbeit als Korrespondent ihm den Anstoß dazu gaben, schließlich selbst eine Zeitschrift herauszubringen, die Stats-Anzeigen, für die er ein weit gespanntes Netz von Korrespondenzen organisierte und die ihm großen publizistischen Erfolg bescherten.

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Im Anschluss daran beleuchtet Thomas Nicklas Schlözers Pressekampagnen, indem er davon ausgeht, dass dieser in den Briefwechseln (1775-82) und dann in den Stats-Anzeigen (1782-1793), die sich beide im hannöverischen Windschatten englischer Pressefreiheit (aufgrund der Personalunion mit Großbritannien) einer für deutsche Verhältnisse ungewohnten Freiheit erfreuen konnten, „eine Gegenmacht zur sich formierenden Allgewalt des souveränen Anstaltsstaats“ (S. 157) sah. Aufklärung, wie Schlözer sie verstand, so Nicklas, arbeitete mit dem „Handwerkszeug der Publizität“: „Sie lief auf grundlegende Information und Verständigung über das Geschehen in Staat und Gesellschaft hinaus.“ (S. 176)

Die verschiedenen Dimensionen von Schlözers Werk sind dann Thema des vierten Teils. Dabei geht es vor allem um seine Vorstellung von der Universal-Geschichte (Helmut Zedelmaier) und um „Mobilität“ als ein Merkmal der europäischen Identität (Martin Espenhorst). Im fünften und letzten Teil folgen schließlich noch zwei Beiträge zu seiner Biographie, die zum einen auf die Bedeutung Frankreichs und zum anderen auf Schlözers Korrespondenzen eingehen.

Die hier versammelten Aufsätze beleuchten die vielen unterschiedlichen Facetten der publizistischen Tätigkeit Schlözers und bringen uns das Werk dieses heute schon wieder vergessenen Historikers, Publizisten und Politologen näher. Viel zu kurz kommt dabei allerdings der literaturgeschichtliche Aspekt, denn immerhin war es Schlözer, der als erster den Begriff „Weltliteratur“ prägte – und nicht etwa Goethe, wie immer noch gerne behauptet wird. Bereits in seiner Isländischen Litteratur und Geschichte (Göttingen/Gotha: Dieterichs 1773, S. 2) hat Schlözer diesen Begriff lange vor Christoph Martin Wieland und vor Goethe eingeführt.[1]

Allein dieser Umstand möge Anlass dafür sein, einmal darüber nachzudenken, dass es auch in benachbarten Disziplinen viel Einschlägiges für das eigene Fach zu entdecken gibt, und dem Irrtum abhelfen, der vor allem in der japanischen Germanistik zu finden ist, dass es für einen Literaturwissenschaftler vollkommen genüge, sich nur mit den ihm vorliegenden literarischen Texten zu befassen, ohne das kulturgeschichtliche und soziale Umfeld mit einzubeziehen.


[1] Vgl. dazu Wolfgang Schamoni: „‚Weltliteratur’ zuerst 1773 bei August Ludwig Schlözer“, in: Arcadia 43/2 (2008), S. 288-298 und das Postskriptum, ebd., S. 515-516, in dem Schamoni nolens volens konzedieren muss, dass bereits der skandinavische Germanist Gauti Kristmannsson 2007 in seinem Aufsatz „The Nordic Turn in German Literature“ (Edinburgh German Yearbook, Vol. 1, S. 63-72) auf Schlözers Verwendung des Begriffs hingewiesen habe. Das entscheidende Zitat Schlözers wird allerdings schon lange zuvor in Sigmund von Lempickis Geschichte der deutschen Literaturwissenschaft bis zum Ende des 18. Jahrhunderts (Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1920, ergänzte Neuauflage 1968), S. 418 erwähnt.

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