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Literaturjournale

Die Bedeutung der Lemgoer Auserlesene Bibliothek der neuesten deutschen Litteratur (1772-1781) als Rezensionsorgan der Aufklärungszeit

Stipendium für Aufklärungsforschung am IZEA Halle

30.7.-27.8.2014 ; 22.07.-22.08.2015.

 

fortgesetzt als Forschungsprojekt gefördert von der Japan Society for the Promotion of Science, Laufzeit 2017-2021.

 
(Link)
 

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1772 erschien die Auserlesene Bibliothek in Konkurrenz zu Nicolais Allgemeinen Deutschen Bibliothek

Als in der Mitte des 18. Jahrhunderts die Literaturjournale und gelehrten Zeitungen zunehmend die moralischen Wochenmagazine verdrängten und die Menge der Rezensionszeitschriften in kurzer Zeit immer rascher anwuchs, entstand mit diesen Zeitschriften für die Schriftsteller und Gelehrten der Zeit ein gigantisches Informationsvolumen gelehrter Kommunikation. Der Philosoph und Mathematiker Johann Heinrich Lambert wies bereits 1767 auf die enorme Bedeutung der gelehrten Anzeigen, Rezensionszeitschriften und Literaturjournale mit folgenden Worten hin: „Ich kenne nicht wenige, die ihre ganze Gelehrsamkeit aus gelehrten Zeitungen hernehmen, und die man nicht fragen muß, ob sie die Bücher selbst gelesen haben.“[1]
 
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Die Menge der gedruckten Schriften war im Zeitalter der Aufklärung so rapide gestiegen, dass sie ohne Rezensionsorgane gar nicht mehr zu überschauen war, geschweige denn, dass sich ohne deren Hilfe die wirklich lesenswerten Bücher herausfinden ließen. Das ‚sekundäre’ Wissen, das die Leser aus den „Rezensierfabriken“[2] erhielten, sollte nicht nur informieren, sondern vor allem auch meinungsbildend bzw. ‚geschmacksbildend’ sein, denn der rasante Anstieg der Buchproduktion bedeutete in erster Linie, dass gewinnsüchtige Autoren und Verleger den Markt mit mittelmäßigen, ja sogar minderwertigen Büchern überschwemmten.

Die von dem Berliner Aufklärer Friedrich Nicolai herausgegebene und von ihm über 40 Jahre lang verlegte Allgemeine Deutsche Bibliothek (ADB) war das mit Abstand wohl wichtigste kritische Rezensionsorgan des 18. Jahrhunderts überhaupt. Sie war das Hauptverlagswerk der Nicolai’schen Buchhandlung in Berlin und erschien zwischen 1765 und 1806.[3] In insgesamt 256 Einzelbänden wurden über 60 000 Veröffentlichungen besprochen, für die über 400 Mitarbeiter ihre kritischen Beiträge lieferten, unter ihnen so bekannte Namen wie Herder, Kästner, Mendelssohn und Merck.

Nicolais erklärtes Ziel war es, möglichst sämtliche deutschsprachige Neuerscheinungen zu erfassen, in seiner Zeitschrift anzuzeigen und kritisch zu beurteilen. Die ADB nahm und hatte erheblichen Anteil an der Entwicklung der deutschen Literatur in dieser Zeit, und Nicolai – der gefürchteten Kritiken wegen bewundert und umschmeichelt, zugleich aber auch gehasst und verhöhnt – avancierte zum „Literaturpapst des protestantischen Nordens“, wie ihn Wynfried Kriegleder einmal nannte.
 
[4] So verwundert es nicht, dass die ADB in der germanistischen Forschung nahezu einstimmig als „Höhepunkt und Abschluß der Aufklärung in Deutschland“[5] betrachtet wird, denn wie nirgendwo sonst kam in ihr eine „Sammlungsbewegung fast aller ihrer wichtigsten Köpfe“[6] zum Vorschein.
 
Doch gab es von Anfang an durchaus immer wieder Konkurrenzunternehmen zu ihr, und schließlich so viele, dass die „gelehrten Anzeigen“ und Literaturjournale den Büchermarkt regelrecht überschwemmten.[7] Die bekanntesten unter ihnen sind die anfangs von Nicolai und Mendelssohn, später von Christian Felix Weisse herausgegebene Bibliothek der schönen Wissenschaften und der freyen Künste, die Frankfurter gelehrten Anzeigen, weil für sie in den ersten beiden Jahrgängen Goethe und Merck tätig waren, sowie die Göttingischen gelehrten Anzeigen; dann außerdem das von Schirach herausgegebene Magazin der deutschen Critik und Wielands Teutscher Merkur, der quartalsweise erschien und nicht mehr nur ein reines Rezensionsorgan war, sondern auch Dichtungen von Wieland, Goethe und Heinse im Erstdruck publizierte. In den 1780er Jahren kamen dann vermehrt die Monatsschriften wie die Berlinische Monatsschrift zum Zuge, die als Meinungsforum der Berliner Mittwochsgesellschaft gelten darf, und ab 1785 erschien dann die wohl stärkste Konkurrenz zur ADB, Die Jenaer Allgemeine Literaturzeitung, die sich ebenfalls zum Ziel setzte, die gesamte Literaturproduktion kritisch zu erfassen und damit tatsächlich zur auflagenstärksten Literaturzeitschrift ihrer Zeit wurde.

In meinem Forschungsprojekt möchte ich mich mit einem weiteren, heute eher vergessenen, aber in seiner Zeit durchaus anerkannten Konkurrenzunternehmen der ADB beschäftigen, und zwar mit der in Lemgo verlegten Auserlesenen Bibliothek der neuesten deutschen Litteratur, auch kurz „Lemgoer Bibliothek“ genannt. Das Adjektiv ‚auserlesen’ bildet dabei einen ganz bewussten, programmatisch verstandenen Gegenbegriff zum alles umfassenden ‚Allgemeinen’ der Nicolaischen Bibliothek. Der erste Band erschien im Herbst 1772, ihm folgten dann noch neun Jahrgänge mit jeweils zwei Bänden pro Jahr, stets zur Oster- und Michaelismesse, verlegt und herausgeben von Christian Friedrich Helwing, ab 1775 dann zusammen mit Christian Konrad Wilhelm von Dohm, der daneben noch am Deutschen Museum (1776-88, zusammen mit Boie), ab 1777 am Teutschen Merkur und später an einigen anderen Monatsschriften beteiligt war.

Der Lemgoer Bibliothek ist bislang in der Forschung so gut wie gar keine Beachtung geschenkt worden. Jürgen Wilke erwähnt sie in seinem Standardwerk Literarische Zeitschriften des 18. Jahrhunderts von 1978 eher beiläufig an nur einer Stelle,[8] und Dominic Berlemanns jüngst veröffentlichte sozialgeschichtliche Untersuchung zur „Reputation im Literaturbetrieb“[9] beschränkt sich, wie viele andere Studien auch, auf die ADB, den Teutschen Merkur, das Schlegelsche Athenäum und bezieht außerdem noch sozusagen als deren Vorläufer die Monats-Gespräche von Christian Thomasius in seine Betrachtungen mit ein. Lediglich Thomas Habel erwähnt sie in seinem neuen Standardwerk über die Gelehrten Journale und Zeitungen der Aufklärung als eine von insgesamt 85 deutschsprachigen Rezensionszeitschriften des 18. Jahrhunderts, aber ohne auf Inhaltliches einzugehen.[10]

Mein Forschungsprojekt hingegen zielt auf die Beantwortung zweier Fragen: Zum einen möchte ich die Reputation und die Bedeutung der Auserlesenen Bibliothek in ihrer Zeit untersuchen, wozu weitere Rezensionsorgane und gelehrte Zeitschriften in Hinblick auf Kritiken, Beurteilungen und Kommentare zu sichten sein werden, die auf die Lemgoer Bibliothek und ihre Beiträge Bezug nehmen. Darüber hinaus will ich dann in einem zweiten Schritt versuchen, die Namen der Rezensenten der Zeitschrift ausfindig zu machen, die sich allesamt hinter Ziffern oder Siglen verstecken. In dieser Hinsicht kann ich bereits einige Vorarbeiten aufweisen, denn es ist mir gelungen, außer den bei Behrisch und Meusel genannten Rezensenten,[11] einige Siglen zu entschlüsseln. Dabei hat sich gezeigt, dass hinter den Beiträgern insbesondere für die Rubriken schöne Wissenschaften und Weltweisheit eine Gruppe junger Dichter, Philosophen und Kunstrichter steht, die versucht haben, die Zeitschrift als Sprachrohr ihrer mitunter doch sehr freigeistigen Ansichten zu nutzen.

Gesehen werden müssen sie im Kontext der sich in den 1770er Jahren überall im deutschen Sprachgebiet formierenden Dichter- und Freundeskreise – am bekanntesten unter ihnen war der „Göttinger Hain“ –, die oft überaus fortschrittliche Ansichten vertraten und zumindest in Ansätzen poetologische Programme entwarfen, die durchaus denen des Sturm und Drang nahestanden und ihnen in verschiedenen Punkten manchmal sogar ebenbürtig waren. Das gilt auch für die „Lemgoer Gruppe“, die jedoch nicht in Lemgo, dem Sitz der Meyerschen Buchhandlung, in der die Auserlesene Bibliothek verlegt wurde, ansässig war, sondern deren Mitglieder verstreut in der ‚deutschen Provinz’ lebten, sei es nun in der Grafschaft Stolberg im Harz, oder auch in Göttingen, Kassel und Braunschweig.

Dass die Lemgoer Bibliothek in der Forschung bislang nicht sonderlich beachtet wurde, hat einen wesentlichen Grund in der schützenden Anonymität, die es den Rezensenten zu ihrer Zeit einerseits ermöglichte, offen und ohne Angst vor Zensur oder Verfolgung ihre Meinung zu äußern; andererseits aber verhinderte sie, deren Ausführungen als ein mit bestimmten Personen oder einem Personenkreis verbundenem Programm wahrzunehmen, was die literaturhistorische Einordnung und Wertung wesentlich befördert hätte, wie es sich z.B. besonders deutlich im Falle der Frankfurter gelehrten Anzeigen gezeigt hat.

Meine bisherige Beschäftigung mit der Zeitschrift und die bislang erzielten Resultate lassen vermuten, dass sich die Bewertung der Lemgoer Bibliothek schlagartig ändern wird, sobald man ihre Mitarbeiter kennt, zumal unter den Rezensenten auch bekannte Namen wie Herder zu finden sind und zu den Autoren des Verlages auch J. M. R. Lenz gehörte. Darüber hinaus verspricht die Entschlüsselung der Siglen neue Impulse für die rezeptionsgeschichtliche Forschung, denn den Jahrgängen von 1774 bis 1776 finden sich Rezensionen zu Werken von Goethe, Wieland, Lenz und Klopstock, die bislang keinem Verfasser zugeordnet werden konnten.

Zu den Mitarbeitern, deren Sigle bislang entziffert werden konnten, zählen u.a. Jakob Mauvillon, Ludwig August Unzer, Heinrich Friedrich Diez, Michael Hißmann, Christian Konrad Wilhelm Dohm, Karl Renatus Hausen, Abraham Jakob Penzel, Karl Friedrich Flögel, Johann Gottfried Herder, August Ludwig Schlözer, David Christoph Seybold, Karl Friedrich Sinapius, Justus Möser, Christoph Schmidt-Phiseldeck, Johann Friedrich Kleuker, Johann Matthias Hassenkamp, Johann Gottfried Töllner, Johann Ernst Immanuel Walch, Christian Günther Rautenberg, Lorenz Philipp Gottfried Happach, Abraham Philipp Gottfried Schickedanz, Ernst Gottfried Baldinger, Johann Beckmann, Johann Wilhelm Heinemann, Johann Christian Polycarb Erxleben, u.a. Einige Mitarbeiter wie Christoph Schmidt-Phiseldeck und Michael Hißmann schrieben, wie ich nachweisen konnte, gleich unter mehreren Siglen, während zum Zweck der Irreführung mitunter die Chiffren auch vertauscht wurden. Die Ergebnisse meiner Forschungen sowie eine Liste der Rezensenten mit Siglen wurden in meiner Antrittsvorlesung an der Waseda Universität am 21. September 2013 präsentiert.

[1] Johann Heinrich Lamberts deutscher gelehrter Briefwechsel, hg. von Johann Bernoulli. 5 Bde. Berlin/Dessau/Leipzig 1781-1787, Erster Band, S. 186.

[2] So bezeichnet Ute Schneider Nicolais Allgemeine Deutsche Bibliothek, vgl. Ute Schneider: Friedrich Nicolais Allgemeine Deutsche Bibliothek als Integrationsmedium der Gelehrtenrepublik, Wiesbaden 1995, S. 12.

[3] Zwischen 1792 und 1800 wurde die ADB aus Zensurgründen vom Hamburger Verleger Carl Ernst Bohn herausgegeben.

[4] Wynfried Kriegleder: „Joseph von Retzers Briefe an Friedrich Nicolai“, in: Jahrbuch des Wiener Goethe- Vereins 89/90/91 (1985/86/87), S. 261-322, hier S. 264; Reinhard Wittmann: Geschichte des deutschen Buchhandels, München 1999, S. 148.

[5] Horst Möller: Aufklärung in Preußen. Der Verleger, Publizist und Geschichtsschreiber Friedrich Nicolai, Berlin 1974, S. 199.

[6] Ebd.

[7] Wigand rechnet noch 1790 „die unsägliche Fluth von Zeitschriften“ zu den „größten Plagen“ der Zeit (Braunschweigisches Journal 1790, 3. Bd., 10. Stück, S. 398). Doch ließ selbst bei der ADB das Interesse des Publikums nach etwa 20 Jahren nach. 1783 wurde ihre Auflage erstmals von 2500 auf 2200 Exemplare herabgesetzt, und spätestens 1785 hatte sie (wie der Teutsche Merkur auch) ihre Blütezeit hinter sich (vgl. Ute Schneider: Friedrich Nicolais ADB als Integrationsmedium, S. 10.)

[8] Jürgen Wilke: Literarische Zeitschriften des 18. Jahrhunderts, Stuttgart 1978, 2. Bd., S. 91.

[9] Vgl. Dominic Berlemann: Wertvolle Werke. Reputation im Literaturbetrieb, Bielefeld 2011.

[10] Thomas Habel: Gelehrte Journale und Zeitungen der Aufklärung. Zur Entstehung, Entwicklung und Erschließung deutschsprachiger Rezensionszeitschriften des 18. Jahrhunderts, Bremen 2007, S. 436.

[11] Vgl. Heinrich Wolfgang Behrisch: Allgemeines Autor- und Litteraturlexikon in alphabetischer und chronischer [sic!] Ordnung bis 1778, Hannover 1778; sowie Georg Christoph Hamberger/Johann Georg Meusel: Das gelehrte Teutschland oder Lexikon der jetzt lebenden teutschen Schriftsteller. Fünfte verm. u. verb. Aufl. 23 Bde. Lemgo 1796-1834. Beide Bücher erschienen bei Helwing und präsentieren sozusagen „Insider-Wissen“.
 
Publikationen:
 
Vom Allgemeinen zum Auserlesenen. Die Lemgoer Auserlesene Bibliothek der neuesten deutsche Litteratur (1772-1781) als „gefährliche Nebenbuhlerin“ der Berliner Allgemeinen Deutschen Bibliothek, in: Waseda Blätter 21 (2014), S. 7-26.  Link

Rezensionen über Rezensionen. Die Besprechungen von Goethes Theaterstücken in der Lemgoer Auserlesenen Bibliothek und im Magazin der deutschen Kritik, in: Goethe-Jahrbuch 132 (2015), S. 141-150.

Das „abgeschmackte“ deutsche Publikum und seine „Gellertomanie“. Ludwig August Unzers und Jakob Mauvillons ‚Dichterbriefe‘ und deren Verteidigung durch Christian Rautenberg, in: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft 60 (2016), S. 3-38.

Ein Brief des Göttinger Philosophen Michael Hißmann an Johann Filtsch in Hermannstadt, in: Waseda Blätter 24 (2017), S. 59-72.

Der sokratische Dämon als „Würgeengel der christlichen Religion“? Ein bislang nicht ausgewerteter Brief Jakob Mauvillons an Michael Hißmann zum „Genius des Sokrates“, in: Das 18. Jahrhundert 41.1 (2017), S. 28-45.

Freigeisterei unter dem Schutzmantel der Anonymität. Ein Beitrag zur Biographie des preußischen Gesandten Heinrich Friedrich von Diez, in: Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstift (2017), S. 7-45.

„[M]an kan sich in dem Punkt nichts vortreflicheres gedenken“.
Jakob Mauvillons Rezensionen zu J. M. R. Lenz im Kontext der zeitgenössischen Kritik, in: Lenz-Jahrbuch (24) 2017, S. 29-54.

Heinrich Friedrich Diez als Freigeist und materialistischer Denker der Aufklärung, in: Zeitschrift für Kulturphilosophie 12/1 (2018), S. 177-184.

Die Lemgoer Auserlesene Bibliothek der neuesten deutschen Litteratur (1772-1781) und ihre allzu lange übersehenen Mitarbeiter [zu Jakob Mauvillon, Ludwig A. Unzer, Michael Hißmann, Karl Friedrich Flögel und Abraham Jakob Penzel], in: Euphorion 112/1 (2018), S. 117-137.

Ein Freigeist „in Sachen des Genies“. Jakob Mauvillon als Kritiker von Goethe und Lenz, in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur (IASL) 43/2 (2018), S. 255-288.

Michael Hißmanns Rezension zu Herders kunsttheoretischer Schrift Plastik. Eine Nachlese zur Wirkungsgeschichte, in: Herder-Jahrbuch 14 (2018), S. 235-249.
 
 


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