arne klawitter

Startseite » Literaturempfehlungen » Mensch und Tier

Mensch und Tier

Mensch und Tier – eine paradoxe Beziehung aus neuer Sicht

»Einst wart ihr Affen, und auch jetzt noch ist der Mensch mehr Affe, als irgend ein Affe.« (Friedrich Nietzsche)

Nicht erst seit einigen Jahren ist das Thema »Tier und Mensch« sowohl in den Literaturwissenschaften als auch allgemein in den Kulturwissenschaften und der Philosophie en vogue. Schon das Sonderheft, das die Zeitschrift für Deutsche Philologie 2007 zu dieser Thematik herausbrachte, und der von Anne von der Heiden und Joseph Vogl im gleichen Jahr edierte Sammelband Politische Zoologie zeugen von diesem neu erwachten Interesse.[1] Im letzten Jahr sind dann weitere bemerkenswerte Publikationen auf diesem Gebiet erschienen, darunter das von Roland Borgards und Nicolas Pethes herausgegebene Buch Tier-Experiment-Literatur und Benjamin Bühlers Habilitationsschrift Zwischen Tier und Mensch. Grenzfiguren des Politischen in der Frühen Neuzeit. Schließlich veröffentlichte im November 2013 der Arbeitskreis für Human-Animals-Studies, der sich der transdisziplinären Erforschung gesellschaftlicher Mensch-Tier-Verhältnisse widmet, einen Band, der die Schwerpunkte der »Tier-Bilder« und »Tier-Ökonomien« aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet und die aktuelle Debatte durch seine Polyperspektivität um vieles bereichert hat.[2]

Seit der Antike ist das Wesen des Menschen immer wieder über seinen Unterschied zum Tier definiert worden. Auch in den Stadt- und Staatsgründungsmythen spielen Tiere eine wichtige Rolle. Die Tieren waren dabei – ebenso wie die Götter – weniger eine Projektionsfläche als vielmehr ein Medium, mit dessen Hilfe sich der Mensch über sich selbst zu verständigen suchte, und sie beanspruchten deshalb einen prominenten Platz in der kollektiven Imagination des »zoon politikon«, als welches sich der antike Mensch verstand. Doch ist das Tier nicht nur Teil einer politischen Ikonographie und Repräsentation, sondern, wie es die Beiträge der Politische[n] Zoologie vorführen, auch politischer Akteur, und dies im Rahmen einer »phantastischen Zoologie«, die z.B. die staatliche Ordnung der Menschen von wilden Tieren bedroht erscheinen lässt.

Dass dieses Thema inzwischen erneut an Aktualität gewonnen hat, liegt insbesondere an der Breitenwirkung der von Giorgio Agamben zur Diskussion gestellten Philosophie des Offenen und an Derridas Dekonstruktion der in den grundlegenden binären Oppositionen impliziten Hierarchien, die ihre Wurzeln in der abendländischen Metaphysik haben. Nach Heidegger hätte – so heißt es im Vorwort des Sonderheftes der Zeitschrift für Deutsche Philologie – der Mensch immer die Welt vor sich, der er sich gegenüber stellt, weshalb er nie einen Zugang zum »reinen Raum« des Außen finde; das Tier hingegen bewege sich »im Offenen«. Die Grenze zwischen Mensch und Tier ist für Agamben deshalb nicht biologisch begründet, sondern im Menschen selbst verortet: »Der entscheidende politische Konflikt in unserer Gesellschaft, ist derjenige zwischen Animalität und Humanität.«[3] Was derzeit stattfinde, so Agamben, sei die »integrale Humanisierung des Tieres«, die mit einer »Animalisierung des Menschen« koinzidiere.[4]

In eben diesem Spannungsfeld bewegen sich auch die Aufsätze des Sonderhefts der Zeitschrift für Deutsche Philologie, und sie gehen damit weit über den engen Horizont nur thematisch angelegter Studien hinaus. Der Tierbegriff wird nicht mehr nur im substanziellen Sinne, sondern vielmehr von der ihm zugewiesenen Funktion ausgehend verstanden. In den Blickpunkt rücken damit die Fragen, wer in bestimmten Zusammenhängen als Tier fungiert und was die Grenze zwischen Mensch und Tier in politischer Perspektive erscheinen lässt.

Die in den einzelnen Aufsätzen präsentierten Textanalysen literarischer Begegnungen mit Tieren und Tierverwandlungen zielen folgerichtig vor allem auf den Gegenstand der ihnen innewohnenden Funktion und Wirkung: Während Marie Ebner-Eschenbach mit einer Tiergeschichte wie »Krambambuli« anthropologische Problemkonstellationen literarisch zur Anschauung bringt, ist das Auftreten von Tierfiguren bei Flaubert immer mit Geschlechtlichkeit und Grausamkeit verbunden, so z.B. wenn der Heilige Julian (in einer der Trois contes), wie Gerhard Neumann und Barbara Vinken in einem gemeinsam verfassten Beitrag darlegen, im sadistischen Abschlachten der Tiere den Schöpfungsakt ins Gegenteil verkehrt, um Christus, dem Erlöser, der in der Gestalt eines Hirsches erscheint, die Wundmale der Passion aufzuprägen (S. 128). Bei Kafka wiederum ist die Tierverwandlung eine geradezu paradoxe Flucht, die aber nicht in den offenen Raum führt, sondern in eine »Intensität«, was für Deleuze und Guattari einer »absoluten Deterritorialisierung« gleichkommt.[5] Zu entkommen gilt es hier nicht allein einer individuellen Zwangssituation, sondern vor allem einem familiären Zwang: »Gregor wird nicht nur Käfer, um seinem Vater zu entkommen, sondern auch und eher noch, um einen Ausweg zu finden, wo sein Vater keinen zu finden vermochte.«[6]

Im westlichen Kulturkreis unterscheidet man zwischen der Selbst- und der Fremdverwandlung. Im ersten Fall verwandelt sich ein menschliches Wesen durch eigene Kraft bzw. mit Hilfe von Magie in ein Tier, wobei es gleichermaßen über die Möglichkeit verfügt, sich wieder in seine ursprüngliche Gestalt zurückzuverwandeln. Das ist bei der Fremdverwandlung nicht der Fall. Hier wird ein menschliches Wesen durch jemanden, der über magische Kräfte verfügt, in eine ›niedere‹ Existenz verwandelt und muss nun warten und auf Erlösung hoffen. Der Anlass einer solchen Verzauberung ist in vielen Fällen ein Fluch oder eine Verwünschung; aber auch Hass und Bosheit können Auslöser für die Fremdverwandlung sein. Entscheidend für den bei einer solchen Verwandlung empfundenen ›Horror‹ ist dabei die christliche Vorstellung vom Menschen als Ebenbild Gottes, das als einziges Erdenwesen mit einer Seele ausgestattet ist und der mit der Verwandlung verbundene Verlust dieses ›Privilegs‹. Erst vor diesem Hintergrund ist dann auch der bissige Humor E.T.A. Hoffmanns zu verstehen, wenn er den Hund Berganza einmal im Jahr aufgrund des Fluchs einer Hexe die Menschwerdung erfahren lässt, was diesen jedoch alles andere als glücklich macht.

Wesentlich in diesem Kontext ist vor allem der Aspekt der Grenzüberschreitung zwischen Mensch und Tier. Eine Grenze, wie Benjamin Bühler es in seinem Beitrag »Sprechende Tiere, politische Katzen« dann näher erläutert, setze zugleich doch immer auch ein »Grenzregime« voraus, »Praktiken, die in Abgrenzung zum Tier bestimmen, wer und was ein Mensch ist, wo menschliches Leben beginnt und wo es endet« (S. 145). Diese können historisch gesehen recht unterschiedlich sein, was die Straf- und Hexenprozesse bezeugen, die im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit an Tieren vollzogen wurden (denn Hexen, so der Aberglaube, vermögen es, sich problemlos in schwarze Katzen oder Eulen zu verwandeln).

Während Theologen, Philosophen und medizinische Anthropologen stets bemüht waren, den Unterschied zwischen Mensch und Tier zu definieren, zu begründen und festzuschreiben, stellen tiermetaphorische Beschreibungen, Mischwesen, als Menschen verkleidete Tiere oder umgekehrt als Tiere verkleidete Menschen dieses Differenzschema immer wieder in Frage. Bühler kommt sogar zu dem Ergebnis, dass La Fontaines Fabeln direkt gegen Descartes’ Vorstellung der Tiermaschine gerichtet seien, dass E.T.A. Hoffmann sich mit seinem Meister Floh gegen die Theorie der Präformation wende und Kafkas Tiergeschichten die tierpsychologische Wissensformation um 1900 in Szene setzten (vgl. S. 147).

In der Literatur sind die genuinen Grenzüberschreiter vor allem sprechende Tiere, was sie zu bevorzugten literarischen Protagonisten macht, denn mit ihnen werden die diskursiven Praktiken verhandelt, die Unterscheidungsmöglichkeiten zwischen Mensch und Tier hervorbringen. Das führt Bühlers Beitrag insbesondere am Beispiel von Ludwig Tiecks Der gestiefelte Kater eindrucksvoll vor, indem er zeigt, dass sprechende Tiere nicht nur als Erweiterung des literarischen Personals zu verstehen, sondern vielmehr als epistemologische Figuren zu lesen sind, die deutlich machen, wodurch der Mensch überhaupt erst als Mensch konstituiert wird.

In den thematisch doch recht unterschiedlichen Untersuchungen taucht ein Autor immer wieder auf, nämlich Franz Kafka, dessen Texte, wie es bei Cornelia Ortlieb heißt, von Tieren außerordentlich dicht besiedelt sind:[7] »Tiere kriechen aus den Ritzen von Wänden und Böden, liegen unter dem Bett, hängen am Gitter in der Synagoge, laufen über das Dach, machen die seltsamsten Geräusche und Bewegungen und drängen sich noch in die schrecklichsten und erhabensten Szenen. Sprechende Tiere, Fabeltiere, Märchentiere, symbolische Tiere, zoologisch nachweisbare Tiere, Mischwesen, imaginäre Tiere, solche, die man nicht sieht, und noch viele andere lauern und ducken sich selbst in kleinsten Textstücken; über hundert verschiedene Kreaturen lassen sich unterscheiden.« (S. 339). In Kafkas Erzählungen vernehme man ein beständiges unterirdisches Graben und Wühlen, wie es wohl am eindrucksvollsten in »Der Bau« dargestellt wird.

Aber nicht nur vom Tier-Werden handeln die Texte Kafkas, sondern vor allem auch vom Hund-Sein, wie das Ende des Romans Der Proceß demonstriert, wenn der Angeklagte als ein Hund sterben muss. Der Hund, so legt die Verfasserin nahe, stehe für den gedemütigten Sohn, der sich vor dem Vater ducken und krümmen muss, der kriechen, Knochen beißen und Füße lecken muss (vgl. S. 344). Darüber hinaus gibt es bei Kafka aber auch Deformationen, die vorrangig dem Weiblichen zugeschrieben werden und Extremitäten wie Krallen und Flossen betreffen, so, wenn z.B. die ›Katzenfrau‹ Klara dem jungen Karl in der Verführungsszene des Amerika-Romans »Der Verschollene« eine Ohrfeige androht und mit ihrer Krallenhand seine Wange berührt. Vor allem die Gliedmaßen der Tiere, ihre Krallen, Grab- und Greiforgane, scheinen Kafka besonders interessiert zu haben. Das Tier, sagt Heidegger, habe keine Hände, sondern lediglich Greiforgane. Die Hand hingegen sei ihrerseits etwas spezifisch Menschliches, sofern sie als das Werkzeug des Denkens angesehen werden kann. Die Behauptung, dass der Affe trotz der Ähnlichkeit mit dem Menschen eben keine Hand habe, impliziert, wie Derrida in seiner dekonstruktivistischen Kritik zeigt, eine Reihe dogmatischer und metaphysischer Annahmen, die stillschweigend und unkritisch vorausgesetzt werden, um eine »absolute Grenze« zwischen Mensch und Tier zu ziehen, die aber keineswegs so eindeutig und absolut ist, wie es scheint, am wenigsten in den Texten Kafkas.[8]

Eine literatur- und kulturgeschichtlich umfassende Studie der Mensch-Tier-Beziehung liefert Benjamin Bühler in seiner im Fink-Verlag erschienenen Habilitationsschrift Zwischen Tier und Mensch. Grenzfiguren des Politischen in der Frühen Neuzeit, die eine fundierte und kenntnisreiche Untersuchung der Darstellung von Tieren in literarischen und politisch-philosophischen Texten von der Mitte des 13. Jahrhunderts (Thomas von Aquins Fürstenspiegel De regimine princeps) bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts ist, als mit Daniel Defoe und Johann Peter Süßmilch ein aufklärerisches Regierungswissen und die Bevölkerungsstatistik das politische Feld von Grund auf verändern. Der Verf. interessiert sich vor allem für »Grenzfiguren« wie den Fuchs, z.B in der Gestalt des Reineke Fuchs, oder die Katze in der Gestalt des Gestiefelten Katers und weniger für die symbolische Bedeutung von realen Tieren, weshalb er sich auch nicht in die Tradition der Animal Studies stellt.[9] Über die Verortung der politischen Akteure zwischen den Polen Mensch und Tier untersucht Bühler die Formation neuer politischer Semantiken in Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs, so z.B. wenn mit der politischen Theorie bei Thomas Morus und Niccolò Machiavelli die mittelalterliche Vorstellung vom guten Hirten zugunsten politischer Strategeme der Überlistung und Überwältigung verabschiedet oder wenn bei Thomas Hobbes im Leviathan das Verhältnis zwischen Mensch und Tier in einer juristischen Semantik neu gefasst wird. Im Zentrum des Interesses stehen dabei die verschiedenen Funktionalisierungen tierischer Eigenschaften, nicht aber ›reale‹ Tiere. Bühler bewegt sich immer schon in Diskursen, Symboliken und fiktionalen Konstruktionen, die er dann in Hinblick auf die mit ihnen verbundenen Machtbeziehungen und Kräfteverhältnisse analysiert.

Einen ganz anderen Aspekt bringt der 2013 von Roland Borgards und Nicolas Pethes herausgegebene Sammelband Tier – Experiment – Literatur. 1880-2010 in die Diskussion über die Mensch-Tier-Beziehung ein. Denn die neuzeitlichen Reformulierungen von Homers Erkennungsszene, in der nach zwanzig Jahren Abwesenheit der Hund Argos seinen Herrn Odysseus als erster wiedererkennt und damit zum Sinnbild tierischer Treue wurde, stützen sich, so die Herausgeber in ihrer Einleitung, auf die Etablierung des Tierversuchs in der medizinischen Forschung des 17. Jahrhunderts. »Seit der methodischen Festschreibung der Vivisektion als operativer Öffnung des lebenden Tierkörpers in der Neuzeit werden in physiologischen Laboren des Abendlands bei lebendigen Leibe Tiermuskeln durchtrennt, Nerven gereizt, Impfstoffe verabreicht, Transplantationen erprobt, Gene modifiziert und Reflexe konditioniert.« (S. 7) Und genau innerhalb dieser Versuchsanordnung habe sich der »epistemische Gegenstand«, der sich im Experiment zeigen und bewahrheiten solle, von der »maschinengleichen Vorstellung eines Mechanismus des tierischen Körpers im 18. über das Leben des Organismus im 19. auf das Verhalten von Tieren im 20. Jahrhundert verschoben« (S. 7-8).

Hier spielen ›reale‹ Tiere durchaus eine Rolle, sofern es um ihre Objektivierung im Experiment geht, ohne die die Verfahren, Konstruktionen und Entwürfe von Anatomie, Biologie und Ethologie, d.h. der Verhaltensforschung, überhaupt nicht möglich wären. Und so fragen die Herausgeber und Beiträger auch berechtigterweise danach, was diese wissenschaftlichen und medizinischen Verfahren und Entwürfe der literarischen Tradition des Tierbildes verdanken – und umgekehrt, was jene den Schnitten und Schreien auf den Streckbänken der experimentellen Psychologie und Medizin schulden. Den Ausgangspunkt des Sammelbandes bildet dementsprechend das »vertraute Bestiarium« (S. 8) der westlichen Literatur, das neben dem Hund und Affen auch den Fuchs, den Löwen, den Wal und den Wolf sowie die Bienen einschließt und immer schon im Horizont einer experimentalwissenschaftlichen Objektivierung und Verwendung des Tieres steht. Daran schließen sich dann Fragen an wie: Was ist ein Versuchstier und wie werden Mensch und Tier in dieser Versuchsanordnung aufeinander bezogen? Und schließlich: Was darf der Mensch mit Tieren tun?

Der Band versammelt erstmalig Untersuchungen zum Tierexperiment in der Literaturgeschichte. Dass dieses Thema nicht vorher schon ausführlich behandelt worden ist, sei, wie die Herausgeber betonen, insofern erstaunlich, als die Lebenswissenschaften und das Experiment in dem gleichen Maße von der Literatur Gebrauch machen, wie diese von ihnen: »In Wissenschaft wie Literatur werden Experimente eingesetzt, um neue Bereiche des Wissens und Darstellens zu erproben, und Tiere verwendet, um aufgrund ihrer großen Nähe zum Menschen dessen Natur modellartig zu studieren und zu definieren.« (S. 9) Man denke hier nur an Lettre d’un signe von Restif de la Bretonne, an Jean Pauls Dr. Katzenbergers Badereise oder an Mikhail Bulgakows Hundeherz.

Volker Roelcke analysiert in seinem Beitrag die Formierung des ›Tiermodells‹ menschlicher Krankheit in der experimentellen Medizin des 19. Jahrhunderts und zeigt, wie das Tiermodell Ausgangspunkt für weiteres experimentell erzeugtes Wissen über menschliche Erkrankungen sein kann, so etwa zur Aufklärung von Prozessen der Krankheitsentstehung oder von Möglichkeiten der therapeutischen Intervention. Nicolas Pethes wiederum befasst sich mit den literarischen Formen des Antivisektionismus um 1900 und geht dazu genauer auf das ›didaktische‹ Langgedicht »Moderne Walpurgisnacht« (1882) von Richard Knoches sowie auf The Island of Doctor Moreau (1896) von H.G. Wells ein. Knoches beginnt sein modernes Aufklärungsgedicht über die »wissenschaftliche Tierfolter« mit der These, dass auch Tiere als Geschöpfe Gottes über eine unsterbliche Seele verfügen, um dann in einer Umkehrung der Rollen nach ihrer Wiedergeburt die menschlichen Forscher zu Tieren werden lässt, während nun die Tiere in den Laboren die einstigen Menschen quälen. Ethische Fragen werden dann im Anschluss an die Antivisektionsbewegung in dem Beitrag von Virginia Richter, in dem es um die Kategorie der ›Menschlichkeit‹ im literarischen Tierexperiment bei Wilkie Collins, H.G. Wells und Karel Čapek geht, aufgeworfen und im Zusammenhang mit der Etablierung neuer Bild- und Erzählmuster in der Literatur um die Jahrhundertwende diskutiert, während der Aufsatz von Eva Johach anhand amerikanischer Science Fiction der 1920er Jahre die experimentelle Hybris behandelt. Die hier ebenfalls angesprochene ›Züchtung‹ von Gesellschaftsstrukturen wird dann in dem Aufsatz von Niels Werber über die »Bienen-Demokratie«[10] weitergeführt.

Konkrete Textanalysen liefern die Beiträge von Harald Neumeyer (zu Kafkas ›Elberfeld‹-Fragment), Esther Köhring (zu Becketts Acte sans Paroles), Marcus Krause (zu Pynchons Gravity’s Rainbow) und Claudia Leitner (zu Robert Merles Roman Le Propre de l’homme). Roland Borgards behandelt den 2008 bei Suhrkamp erschienenen Evolutionsroman Die Abschaffung der Arten von Dietmar Dath und zeigt, wie sich dieser Roman als ein Experiment mit Evolutionstheorien lesen lässt, während Stefan Rieger den Weg nachzeichnet, den das ikonische Versuchstier Frosch von der galvanischen Elektrisiermaschine des 19. Jahrhunderts bis in die digitale Simulation des 21. Jahrhunderts genommen hat.

Immer wieder wird in den Beiträgen dieses Sammelbandes auf Bruno Latour[11] und Hans-Jörg Rheinberger[12] Bezug genommen, womit ein für die germanistische Literaturwissenschaft recht neuer wissenschaftsphilosophischer Kontext eröffnet wird. Abgesehen von dieser Ausnahme, bei der es ja vorrangig um Tierexperimente und deren epistemologische und ethische Probleme geht, ist es mittlerweile beinahe schon unmöglich geworden, die paradoxe Beziehung zwischen Mensch und Tier zu erörtern, ohne die beiden einflussreichsten Denker zu berücksichtigen, die sich mit diesem Thema auseinandergesetzt haben. Denn von ihnen, von Jacques Derrida und Giorgio Agamben, stammen im Wesentlichen all diejenigen Gedanken, die in den Literatur- und Kulturwissenschaften derzeit so heiß diskutiert werden.

Das Tier, das ich bin ist die Buchfassung eines insgesamt zehnstündigen und damit in seiner Länge schon ›monströsen‹ Vortrags, den Derrida 1997 in Cerisy anlässlich der Tagung »Das autobiographische Tier« hielt. Der französische Titel »L’Animal que donc je suis« spielt mit dem Doppelsinn von ›je suis‹, was zugleich ›ich bin‹ (in Anspielung auf) oder ›ich folge‹ bedeuten kann. Während Descartes mit seinem »cogito, ergo sum« sicherzustellen versuchte, dass jenes »Ich denke, also bin ich« nicht von einem Tier gedacht werden könne, zeigt Derrida mit der Doppelbödigkeit des »je suis« auf, wie unsicher die vermeintliche Gewissheit ist, dass der Denkende kein Tier sei. Das Wort ›animal‹, so Derrida, gehe uns immer schon voran, und wir folgen immer schon seiner Spur. Dieses »folgerichtig fortgesetzte Vorgehen« verfolgt auch Derrida, wenn er, einem Tier ähnlich, die Witterung aufnimmt, um das »animot« aufzuspüren, jenes hybride Wortmonstrum, Worttier bzw. ›Tierwort‹, dessen Kopf gleichsam ein Tier ist ›animal‹, während der Wortkörper aus dem Wort, frz. ›mot‹, besteht.

Mit diesem Neologismus will Derrida auf verschiedene Dinge aufmerksam machen: Hinter dem Gebrauch des Begriffs ›Tier‹ im Singular verbirgt sich nämlich eine unzulässige Verallgemeinerung, die es ermöglicht, ›das Tier‹ dem ›Menschen‹ gegenüberzustellen. Indem er ›animot‹ und ›animaux‹, dem Plural von ›animal‹ phonetisch ununterscheidbar werden lässt, suggeriert Derrida, dass es nicht ›das‹ Tier an sich, sondern eine Vielzahl verschiedenartiger Tiere gibt. Im Gegensatz zu ›animot‹ steht ›animal‹ bei Derrida für den abendländischen Logozentrismus, der den Menschen als ›vernünftiges Lebewesen‹ (animal rationale) über das Tier im Allgemeinen stellt, dem wiederum die Fähigkeit zur Vernunft abgesprochen wird.

Das neueste Buch von Derrida in deutscher Übersetzung, das ursprünglich zur Frankfurter Buchmesse im Oktober 2014 angekündigt war, jedoch nicht rechtzeitig ausgeliefert werden konnte, und das den Titel Das Tier und der Souverän I trägt, ist der Beginn eines editorischen Großprojektes, das der Wiener Passagen Verlag für die kommenden Jahre plant: Sämtliche Vorlesungen und Seminare, die Derrida zwischen 1960 und 2003 gehalten hat, sollen im Rahmen dieser als Gesamtausgabe angelegten Edition publiziert werden. Da Derrida die Gewohnheit hatte, alle seine Lehrveranstaltungen schriftlich zu fixieren, umfasst das zur Verfügung stehende Material über 14 000 Druckseiten, was 43 Bänden entsprechen würde, rechnet man einen Band pro Studienjahr. Der Verlag hat sich dazu entschlossen, die Seminare in umgekehrter Chronologie zu veröffentlichen. Den Anfang macht deshalb »La bête et le souverain«, jenes Seminar, das Derrida in zwei Teilen von Herbst 2001 bis Frühjahr 2003 abhielt und dessen Titel nicht wortwörtlich als »Die Bestie und der Souverän« übersetzt worden ist, sondern als »Das Tier und der Souverän« – wohl um negative Konnotationen zu tilgen und ihn in Bezug auf die gegenwärtigen tierphilosophischen Debatten anschlussfähiger zu machen, während ›la bête‹ im Französischen allerdings noch ganz andere Bezüge bereit hält, wie z.B. zur Bestialität und zur Dummheit, ›la bêtise‹.

In dem Seminar beschäftigt sich Derrida in erster Linie mit der politischen wie der onto-theologischen Geschichte des Begriffs »Souveränität« und zeigt dessen Verflechtungen mit dem Zoologischen auf. Es geht ihm dabei nicht allein darum, die Interpretationen des Menschen als »politisches Lebewesen« zu untersuchen, sondern vor allem darum, die ›Logiken‹ aufzudecken, mit denen lebende Wesen entweder einer politischen Souveränität unterworfen oder Analogien zwischen Tieren oder dem Tierischen und dem Souverän oder einer menschlichen Gemeinschaft hergestellt werden, so, wie es die großen politischen Theoretiker (Grotius, Hobbes) im Allgemeinen getan haben, wenn sie die Gemeinschaft des Menschen auf einen animalischen Zusammenhang zu reduzieren suchten oder wenn die Bestie und der Souverän als Figuren ins Spiel gebracht werden, die außerhalb des Gesetzes oder über dem Gesetz stehen. Der Mensch, sagt Derrida, sei unweigerlich im »Theo-anthropo-zoologischen eingeklemmt, schwindend, verschwindend«, was bedeutet, dass der Mensch gleichermaßen von göttlichen Wesen und Bestien umklammert sei, von beidem gewissermaßen nur durch einen Bindestrich getrennt, also durch diskursive Markierungen.

Immer wieder kommt Derrida auf Heideggers Begriff der ›Weltarmut‹ zu sprechen, den dieser zur Unterscheidung zwischen Mensch und Tier eingeführt hatte. Heidegger stellt der Weltarmut des Tieres die weltbildende Struktur des menschlichen Daseins gegenüber, um auf diese Weise das In-der-Welt-Sein des Tieres zu bestimmen. Als radikaler Kritiker der abendländischen Metaphysik lehnt Heidegger die Definition des Menschen als ein ›vernünftiges Lebewesen‹ ab. Ihm kommt es vielmehr darauf an, den Ursprung und den Sinn jener Öffnung zu verstehen, die mit dem Menschen entstanden ist. Das In-der-Welt-Sein des Tieres kennzeichnet er als eine Öffnung ohne Offenbarung. Das Tier ist im Benehmen (gegenüber der Welt) offen, sagt Heidegger, es muss ihrer aber entbehren, weshalb er das In-der-Welt-Sein des Tieres als eine Armut an Welt bestimmt. Agamben schließt an diesen Gedankengang seine spezifische Idee des Offenen an.[13] Das Tier bewege sich zwar im Offenen, aber nur der Mensch, sagt Agamben mit Bezug auf ein Rilke-Gedicht, die achte Duineser Elegie, ›sehe‹ das Offene. In seiner Lektüre von Heideggers Vorlesungen verdeutlicht Agamben dann, inwiefern die Weltarmut des Tieres bei Heidegger eine Strategie darstellt, »einen Durchgang zwischen animalischer Umwelt und dem Offenen zu sichern«.[14]

Agamben liegt damit nicht weit entfernt von Derrida. Denn auch er interessiert sich besonders für die von Heidegger vorgenommenen Umkehrungen und Umwertungen sowie für die diskursiven Strategien, mit deren Hilfe er dies bewerkstelligt. Was aber das jetzt veröffentlichte Seminar von Derrida so interessant macht, ist nicht nur das Material, das hier bearbeitet wird, denn es wurden nicht nur Fabeln, philosophische Traktate und Abhandlungen einbezogen (so von La Fontaine, Machiavelli, Hobbes, Rousseau oder Carl Schmitt), sondern daneben auch wenig bekannte Texte wie z.B. das Gedicht »Snake« von D.H. Lawrence. Derrida setzt sich hier en passant immer wieder mit seinen Philosophen-Kollegen auseinander und beleuchtet beispielsweise den Begriff der Biopolitik bei Foucault und Agamben oder unterzieht das Konzept des Tier-Werdens von Deleuze und Guattari einer kritischen Lektüre. Gerade diese Querverbindungen machen die Seminare so spannend. Derrida geht es letztlich nicht darum, die Grenzen zwischen Mensch und Tier zu leugnen; er will vielmehr ihre Abgründe offenlegen und vervielfältigen, um das, was anfangs als selbstverständlich erschien, am Ende des Seminars als unselbstverständlich erscheinen zu lassen und damit das ›Eigene‹ des Menschen in Frage zu stellen.

Besprochene Literatur zum Thema:

Agamben, Giorgio: Das Offene. Der Mensch und das Tier. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2003.

Borgards, Roland und Nicolas Pethes (Hg.): Tier-Experiment-Literatur 1880-2010. Studien zur Kulturpoetik, Würzburg: Königshausen & Neumann 2013.

Bühler, Benjamin: Zwischen Tier und Mensch. Grenzfiguren des Politischen in der Frühen Neuzeit, München: Fink 2013.

Jacques Derrida: Das Tier, das ich also bin, Wien: Passagen 2010.

Jacques Derrida: Das Tier und der Souverän I. Seminar 2001-2002, Wien: Passagen 2014.

Zeitschrift für Deutsche Philologie. Sonderheft zum Band 126: Tiere, Texte, Spuren. Hg. von Norbert Otto Eke und Eva Geulen, Erich Schmidt Verlag 2007.

Anmerkungen:

[1] Politische Zoologie, hg. von Anne von der Heiden und Joseph Vogl, Zürich/Berlin: Diaphanes 2007.

[2] Tiere. Bilder. Ökonomien. Aktuelle Forschungsfragen der Human-Animal Studies. Hg. von Chimaira – Arbeitskreis für Human-Animal Studies, Bielefeld: Transkript 2013.

[3] Giorgio Agamben: Das Offene. Der Mensch und das Tier, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2003, S. 88.

[4] Ebd., S. 86.

[5] Vgl. dazu Gilles Deleuze und Félix Guattari: Kafka. Für eine kleine Literatur, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1976, S. 19-20.

[6] Ebd., S. 20.

[7] Vgl. dazu Jochen Thermann: Kafkas Tiere. Fährten, Bahnen und Wege der Sprache, Marburg: Tectum 2010.

[8] Vgl. Jacques Derrida: Geschlecht (Heidegger). Sexuelle Differenz, ontologische Differenz – Heideggers Hand, hg. von Peter Engelmann, Wien: Passagen 2005, hier insbes. S. 58ff.

[9] Einen Überblick über gegenwärtige Tendenzen der Literary Animal Studies gibt Roland Borgards: »Tiere in der Literatur. Eine methodische Standortbestimmung«, in: Herwig Grimm und Carola Otterstedt (Hg.): Das Tier an sich. Disziplinenübergreifende Perspektiven für neue Wege im wissenschaftsbasierten Tierschutz, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2012, S. 87-118.

[10] Mit Bezug auf Thomas D. Seely: Honeybee Democracy, Princeton/Oxford: Princeton UP 2010.

[11] Bruno Latour: Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2008.

[12] Die Experimentalisierung des Lebens. Experimentalsysteme in den biologischen Wissenschaften 1850/1950, hg. von Hans-Jörg Rheinberger und Michael Hagner, Berlin: Akademie 1995.

[13] Giorgio Agamben: Das Offene, a.a.O., S. 65-71.

[14] Ebd., S. 70.

Arne Klawitter für die Waseda Blätter (2015)


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: