arne klawitter

Startseite » Projekte » Zeichenresonanz

Zeichenresonanz

Habilitationsprojekt (2008-2012)

Ästhetische Resonanz.

Zeichen und Schriftästhetik aus Ostasien in der deutschsprachigen Literatur und Geistesgeschichte

resonanz-klein

© Xu Bing, Resonanz als Square Word Calligraphy

Die interkulturell ausgerichtete Arbeit, die thematisch im Gebiet Vergleichende Ästhetik und Literaturwissenschaften anzusiedeln ist, beschäftigt sich mit der Rezeption chinesischer und japanischer Schriftzeichen in der deutschen Literatur und Geistesgeschichte vom 17. bis zum 20. Jahrhundert und untersucht, welche philosophischen Debatten die für die deutschen Gelehrten vollkommen fremdartigen und größtenteils unlesbaren Schriftzeichen ausgelöst, zu welcher Art der ästhetischen Sensibilisierung sie geführt und zu welchen poetischen Experimenten sie angeregt haben. Behandelt werden literarische Werke wie die „Chinesisch-Deutschen Jahres- und Tageszeiten“ von Goethe, Friedrich Rückerts Nachdichtung des chinesischen „Buchs der Lieder“, Shijing, aber auch Werke von heute fast völlig vergessenen Dichtern wie z.B. Ludwig August Unzers „Vou-ti bey Tsin-nas Grabe“. Die sprachphilosophischen Diskussionen über die chinesischen Schriftzeichen wiederum führen zurück zu Athanasius Kircher, Gottfried Wilhelm Leibniz und Christoph Gottlieb von Murr, der den Vorschlag unterbreitete, die chinesischen Zeichen zur Grundlage einer Universalsprache zu machen.

Die gut 550 Seiten umfassende Arbeit gliedert sich in zwei etwa gleich lange Teile, einen methodologischen, der die nötigen grundsätzlichen „Vorüberlegungen zu einer Ästhetik des Diversen“ (I) umfasst und dann die „Grundzüge der Resonanzästhetik“ (II) näher erläutert. In mehreren close readings wird anschließend im praktischen Teil der Arbeit der „Reflex ostasiatischer Ästhetik in der deutschen Literatur“ (III) untersucht, um dann, mehr ins Allgemeine gehend, primär unter Rückgriff auf die Tradition der abendländischen Hieroglyphen-Exegese, wichtige historische Interferenzen von fernöstlichen und lateinischen Schriftzeichen vor Augen zu führen und Möglichkeiten zum respektvollen Umgang fremder Kulturen miteinander aufzuzeigen (IV).

Den Ausgangspunkt der Untersuchung bildet das Phänomen der Unlesbarkeit. Unlesbare Zeichen, so die Grundidee, bieten die Möglichkeit, Schriftzeichen jenseits ihrer Bedeutung in einer ihnen ganz eigenen Dimension zu erfassen. Diesem Gedanken folgend, wird in der Arbeit parallel zu den verschiedenen historischen Stationen der Rezeptionsgeschichte chinesischer Schriftzeichen versucht, eine Ästhetik zu entwerfen, die auf der sinnlichen Wirkung der Schriftzeichen aufbaut, um auf diesem Wege eine methodisch akzeptable Beschreibungssprache im Umgang mit chinesischer und japanischer Dichtung und Zeichenästhetik zu entwi-ckeln.

Methodologisch werden in Anschluss an Michel Foucault und Roland Barthes die fremdartigen, unlesbaren Schriftzeichen als „Figurationen eines Diskurses über den Nichtdiskurs“ aufgefasst, insofern nämlich, als diese Zeichen „zeigen, dass sie nicht zeigen“. Sobald die Zeichen keinen Aussagecharakter mehr besitzen, erscheinen sie in ihrer Andersartigkeit und können so einen Positionswechsel in unserem Denken in Gang setzen, der von den Ursprungsdiskursen (vom eigentlich Chinesischen) weg- und zur post-semiotischen Fragestellung einer Zeichengenealogie hinführt, jedoch ohne dass man sich der Mittel einer semiotischen Analyse berauben würde. Das Unlesbare bleibt in dieser Untersuchung diskursiv und wird in erster Linie nach seiner epistemologischen Funktion befragt.

Weil gerade bei der Zeichenästhetik das Visuelle von immenser Wichtigkeit ist, wird an verschiedenen Stellen der Arbeit auch immer die bildende Kunst mit einbezogen (wie z.B. die Farbholzschnitte von Hiroshige). Eine besondere Rolle spielen außerdem die Zeicheninstallationen des chinesischen Künstlers Xu Bing. Sie bilden den Einstieg in die Problemstellung der Arbeit und sind an wichtigen Schaltstellen positioniert, denn sie können als Visualisierungen der wichtigsten Leitgedanken der Untersuchung aufgefasst werden.

In der Arbeit wird einerseits der Frage nachgegangen, welche ästhetischen Auswirkungen die Begegnung mit den zumeist unlesbaren chinesischen und japanischen Schriftzeichen auf die deutsche Literatur seit dem 18. Jahrhundert genommen hat; zum anderen aber wird versucht, mit einer post-semiotischen Resonanzästhetik ein alternatives Konzept zur Beschreibung ästhetischer Phänomene jenseits der Bedeutung und Lesbarkeit zu entwickeln. Das Problem, wie sich die ästhetische Resonanz literarischer Texte bestimmen lässt, ohne auf subjektive Konzepte wie „Atmosphäre“ oder „Stimmung“ zurückzugreifen, wird insbesondere in den Kapiteln 6 bis 14 behandelt, wobei vier wesentliche Aspekte der Resonanz herausgearbeitet werden: die Klangresonanz (bei Unzer, Rückert und Dauthendey), die Zeichenresonanz (bei Goethe und E.T.A. Hoffmann), die ästhetische Resonanz (bei Dauthendey und Kommerell) und die Resonanz als Affektwirkung (bei Dauthendey). Mit der Analyse der Resonanzeffekte soll der literaturwissenschaftlichen Forschung ein neues Untersuchungsfeld erschlossen werden, in dem die Zeichen nicht mehr ausschließlich als Bedeutungsträger aufgefasst werden, sondern in ihrer affektiven und resonanzästhetischen Wirkung zu Tage treten. Literaturwissenschaft dient damit nicht nur einer Einübung in gängige Interpretationsmodelle, sondern wird zu einer Übung der Sinne, die dem Leser letztlich die Fähigkeit verleihen soll, etwas, mit dem er sich konfrontiert sieht, anders aufzufassen.


 

Publikation:

Ästhetische Resonanz.

 
co_Klawitter_01
 

ist im Herbst 2015 bei Vandenhoeck & Ruprecht erschienen.


1 Kommentar

  1. Dr. Christoph Schmitz sagt:

    Einen schoenen Gruss an einen wortgewandten
    Germanisten von einem Shirakawaforscher aus Tokio
    Da Sie glaube ich in Kioto wohnen>
    Es gab Shizuka Shirakawa an der Ritsumeikan,
    weiss nicht ob Sie schon einmal von ihm gehoert haben.

    Er hat die sich nun immer mehr verbreitende Erklaerung
    der Form der chinesischen Zeichen geleistet.
    siehe einige Beispiele>
    http://www.nippon-kichi.jp (Rubrik Kanji).

    Nur falls Sie bei Ihrem Zeichenthema weiter am Ball bleiben
    wollen.
    Ich stehe Ihnen als Landsmann gerne bei Interesse an
    Shirakawa zur Verfügung. Darf man mal nach Ihrem Jahrgang
    fragen ?

    Christoph Schmitz

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: