arne klawitter

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Unkörperlichkeit

Das Unkörperliche in Literatur und Kunst

Forschergruppe, Laufzeit 2010-2014, gefördert von der Japan Society for the Promotion of Science

Konzept

Seit dem 19. Jahrhundert setzte sich mit der wachsenden Dominanz der Naturwissenschaften auch in den Kulturwissenschaften ein Positivismus und Biologismus durch, der, indem er den Körper auf eine materielle Grundlage stellt, im Gegensatz zu den philosophischen Traditionen des Geistigen und der Metaphysik steht. Positivistischer Empirismus und Metaphysik des Geistigen haben sich im Denken des 20. Jahrhunderts zu zwei voneinander getrennte Richtungen entwickelt. Mit ihrer Unvereinbarkeit geriet auch die Schnittstelle von Körperlichem und Unkörperlichem aus dem Blickfeld der Wissenschaften. Damit eröffnete sich eine Lücke im modernen wissenschaftlichen Denken.

Verstärkt wird diese Unzulänglichkeit durch die gegenwärtige Entwicklung, dass die Präsenz des Körpers in digitale Codes zerlegt wird, Kommunikation im virtuellen Medium des Internets abläuft und Wissen nicht mehr über Bücher vermittelt wird, sondern durch Internetdatenbanken, die man nur noch mittels Mausklick betreten kann. In einer Zeit, in der der menschliche Körper in seiner natürlichen Erscheinungsform immer mehr in den Hintergrund tritt, vergrößert sich die Notwendigkeit, das Unkörperliche, die Entkörperung und die Abwesenheit des Körperlichen zu erfassen. Zwar haben die Kulturwissenschaften das zunehmende Verschwinden des menschlichen Körpers registriert, dennoch fehlt es ihnen noch an einem adäquaten Instrumentarium, die Schnittstelle von Körperlichem und Unkörperlichem zu beschreiben. Dabei können die Kulturwissenschaften nicht länger mit Theorien und Konzepten arbeiten, die die Körperlichkeit in ihrer empirischen Präsenz voraussetzen und ein körperliches Sein unterstellen (bspw. die Konzepte der Materie und Identität). Deshalb scheint es notwendig, neue Zugänge und Konzepte für die Schnittstelle von Körperlichem und Unkörperlichem zu entwickeln bzw. „vergessene“ Konzepte in der Kulturgeschichte zu erkunden.

In dem Forschungsprojekt wird nach Möglichkeiten gesucht, den Körper nicht mehr ausgehend von seiner Präsenz auf einer empirischen Grundlage zu denken, sondern in Beziehung zum Unkörperlichen, zur Entkörperung und zur Abwesenheit.

Einen Ansatzpunkt bildet die 2006 erschienene Arbeit von Anne Cauquelin „Verkehr mit den Unkörperlichen“. Cauquelin fragt in Anschluss an die Pariser Ausstellung „Die Immateriellen“ (1985, unter Mitarbeit von Jean-François Lyotard) und im Zuge der gerade einsetzenden Stoa-Rezeption in Frankreich und Deutschland (vgl. die derzeit einflussreiche Studie von Pierre-François Moreau) nach Wegen, die Beziehung zum Unkörperlichen neu zu fassen, indem sie insbesondere auf das stoische Konzept des Ausdrückbaren (lekton) zurückgreift. Vor diesem Hintergrund untersucht sie dann das Unkörperliche in der zeitgenössischen Kunst und die Erscheinungsweisen des Unkörperlichen im Cyberspace und den digitalen Medien. Dieses Vorgehen scheint uns eine geeignete Weise, im Reservoir der Kultur- und Geistesgeschichte Denkmöglichkeiten zu finden und zu aktivieren, die im „Schutt der Geschichte“ begraben liegen.

Die Forschungsgruppe plant sechs Treffen innerhalb einer dreijährigen Forschungsarbeit. Es ist beabsichtigt, in drei Schritten vorzugehen. Zuerst sollen die Grundlagentexte der drei Denktraditionen (Stoa, Neoplatonismus und Gnosis) studiert und danach befragt werden, wo Schnittstellen von Körperlichem und Unkörperlichem entdeckt werden können. Im zweiten Schritt werden die Repräsentationen dieser Schnittstellen in ausgewählten literarischen Texten und Kunstwerken vom Mittelalter bis zur Neuzeit untersucht. Im dritten Schritt sollen schließlich neue Beschreibungsmöglichkeiten für die moderne Kunst erarbeitet werden. Zu beantworten bliebe letztlich die Frage, ob sich als Resultat der Untersuchung nicht so etwas wie eine „Poetik des Interface“ ( d.h. der Schnittstellen) entwickeln ließe.

Die zu untersuchenden Grundlagentexte umfassen zunächst die Kommentare von Diogenes Laertios, Sextus Empiricus und den von Lang und Sedley zusammengestellten Standardband zur hellenistischen Philosophie für die Stoa, die Lehren des Plotin und seiner Nachfolger für den Neuplatonismus sowie gnostische Quellen und die Schriften des Irenäus für die Gnosis. Einzigartig an der Philosophie der Stoa ist, dass sie Möglichkeiten bietet, das Immaterielle im Zeichen zu denken. Insgesamt gibt es im stoischen Denken vier Formen des Unkörperlichen: die Zeit, den Ort, die Leere und das Ausdrückbare (lekton). Während das neuzeitliche Denken den Raum als Ausdehnung von Körper(n) versteht, begreift die Stoa den Raum gemäß dreier Spezifikationen: der Leere, dem Ort und der Ausdehnung. Zu fragen ist zunächst, wie diese drei Spezifikationen zusammenwirken, wie man den Ort abhängig von der unkörperlichen Leere bestimmen kann (oder muss) und wie sich das Unkörperliche aus Sicht der Logik und der Ethik darstellt. Anschließend soll der Begriff des Ausdrückbaren beleuchtet werden, dessen Potential bereits von den Linguisten Benveniste und den Philosophen Deleuze und Guattari betont wurde und Anlass gab, Saussures Zeichenmodell zu überarbeiten. Am Denken des Neoplatonismus interessiert vor allem die Idee, dass das Materielle als Emanation des Immateriellen aufgefasst wird und an der Gnosis die Vorstellung einer Verbindung der Seelenteile (pneumatikoi, das Geistige; psychikoi, das Seelenartige; hylikoi, das Stoffliche).

Den Schwerpunkt des zweiten Forschungsjahres bilden religiöse und literarische Texte von der mittelalterlichen theologischen und Erbauungsliteratur über die klassisch-romantische Geisterliteratur (z.B. „Der Geisterseher“ von Schiller) bis hin zu ihren neoromantischen Ausprägungen (z.B. Meyrinks „Golem“) sowie auch andere Kunstwerke, die das Thema des Unkörperlichen berühren. Bereits in dieser Phase sollen die erarbeiteten theoretischen Konzepte, mit denen die Schnittstellen von Körperlichem und Unkörperlichem gedacht werden können, in der Textlektüre erprobt werden. Schließlich wollen wir mit Blick auf die moderne Kunst lenken (angefangen mit dem Impressionismus und Kubismus, wo sich bereits das Körperliche in der Farbe, dem Licht und schließlich in geometrischen Formen auflöst, um in der abstrakten Kunst völlig zu verschwinden). Ziel soll es sein, an den Verbindungspunkten von Körperlichem und Unkörperlichem bislang unreflektierte Zusammenhänge aufzudecken und Ansätze zu einer erweiterten Poetik (oder Ästhetik) zu erarbeiten.

 

Ausschreibung für den Arbeitskreis 

„Zwischen Körper und Unkörperlichem“

In den Kulturwissenschaften ist in den vergangenen Jahren das Thema „Körper“ von den verschiedensten Blickwinkeln aus beleuchtet und diskutiert worden. Ein Aspekt ist dabei aber bislang nur selten ins Zentrum des Interesses gerückt: das dem Körper entgegengesetzte bzw. ihm komplementäre Unkörperliche. Versucht man dieses vom Begriff des Körpers aus zu definieren (also ex negativo), kommen vor allem zwei Aspekte in Betracht: Versteht man „Körper“ im physikalischen Sinne als etwas, das eine bestimmte Masse und Ausdehnung im Raum hat, so würde das Unkörperliche dadurch bestimmt sein, dass ihm diese Attribute fehlen. Geht man hingegen von einem biologischen Körper-Begriff aus, d.h. „Körper“ als etwas Belebtes, Gefühle und/oder Bewusstsein Besitzendes, dann wäre das Unkörperliche entsprechend das Nichtbelebte. Das widerspricht aber dem traditionellen Verständnis, dass eben das, was den Körper belebt, dem Unkörperlichen zuzurechnen sei.

Solche rein negativen Bestimmungen des Unkörperlichen sind also unzureichend, weil sie gerade die Bereiche außer Acht lassen, in denen Körperliches und Unkörperliches sich berühren oder wo die Grenze zwischen beiden nur schwer auszumachen ist. Auf unserem Symposium wollen wir uns kultur- und literaturhistorisch mit solchen „Schnittstellen“ beschäftigen und fragen, wie sich in der deutschsprachigen Literatur das Verhältnis von Körperlichem und Unkörperlichem manifestiert. Hierbei rücken z.B. Phänomene in den Blick wie das in der heutigen Zeit immer mehr in den Hintergrund Treten des menschlichen Körpers in seiner natürlichen Erscheinungsform, die Entkörperung und die Abwesenheit des Körperlichen, die Verflüchtigung des Körpers in der Zeit, die Frage nach dem Ort des Unkörperlichen sowie Erscheinungen der (spirituellen) Affektübertragung von einem Körper auf einen anderen, Okkultismus, Magnetismus (Mesmerismus) und Geisterseherei.

Als mögliche Themen kämen z.B. in Betracht:

  1. Erscheinungen des Geistes (Spiritus, Weltgeist), von Geistern (Erdgeist), Dämonen, Gespenstern und Vampiren aber auch von Engeln (Schutzengel) sowie von Zwischenwesen (Homunkulus im Faust II) oder von Fabel- und Fantasiewesen. Dabei wären sowohl ihre Erscheinungsform von Interesse (als Flamme oder in Begleitung von Flammen, als Flammenschrift oder als Dunst- und Nebelerscheinung, als Schemen, die zugleich sinnlich und nicht materiell sind), wie auch ihre Funktion (z. B. als Vermittler zwischen Menschlichem und Übermenschlichem oder dergleichen).
  2. Visionen, Grenzerfahrungen bei denen die Seele den Körper verlässt, Besessenheit, Entrückung in eine jenseitige Raumzeit (den Himmel, die Unterwelt oder eine irreale Welt), oft verbunden mit einem Zustand der Ekstase, des Rausches, des Traums oder der Trance.
  3. Auch in den Medienwissenschaften gewinnt das Thema zunehmend an Bedeutung, vor allem was die Rolle des Spiritismus in der Geschichte der technischen Medien betrifft. Die „Geisterkommunikation“ bietet mit ihren Strukturmerkmalen wie Fernwirkung, Entmaterialisierung der Kommunikation eine wichtige Verständnisgrundlage bei der Beschreibung der historischen Entwicklung technischer Medien wie Fotografie und Film (mit Phänomenen wie der vom Körper losgelösten Stimme aus dem Off).
  4. Der Schatten, der in der in der Literatur vor allem als Schattenriss oder Silhouette eine Rolle spielt (Lavater), aber auch als Schattenzeichnung oder Scherenschnitt und als verkaufter Schatten (Chamisso), ist zwar an den Körper gebunden, da er seine Gestalt konturiert, aber nicht körper Das heißt, der Schatten ist einerseits etwas Unkörperliches, andererseits aber immer von einem Körper abhängig.
  5. Die Atmosphäre und das Fluidum, die selbst unkörperlich sind aber zwischen Körpern entstehen bzw. wirksam werden. Hier ist an Charisma, Ausstrahlung, Stimmungen zwischen Menschen aber auch an durch bestimmte Umgebungsfaktoren wie Licht, Duft oder Temperatur hervorgerufene Gemütsverfassungen (Darstellungen von Frühlings- und Herbststimmung, Abendstimmung, Dämmerung).
  6. Der Blick als eine wirkende Macht (hypnotischer Blick, Auge Gottes), als faszinierende Kraft oder Angst einflößende Gewalt sowie als Mittel der Magie (böser Blick).
  7. Gesten werden zwar über den Körper vermittelt, gehen aber in ihrer Bedeutung über das Körperliche hinaus. Schon im Mittelalter wurden sie als deiktische Hinweise (z.B. um den Zuhörer auf eine Ich-Erzählung einzustimmen) oder symbolische Zeichen (Rechtssymbole: Stabbrechen, die Hand über jemanden halten) eingesetzt. Hier geht es auch um Visualisierungsstrategien, wie sie in mittelalterlichen Texten und Bildern angewandt wurden, wobei die Geste sowohl als körpersprachliche als auch als bildliche und narrative Geste relevant ist.
  8. Bei Inszenierungen literarischer Texte spielen Stimmführung, Mimik und Gebärde eine wichtige Rolle. Hier kann es, im Gegensatz zu den oben genannten Beispielen von Entkörperlichung, um die Präsenz des Körpers im System virtueller, d.h. immaterieller und unkörperlicher Zeichen gehen. Hierher gehört aber auch das Problem, wie man Texte, die ursprünglich für Performanz konzipiert waren, noch verstehen kann, wenn diese Performanz nicht mehr zugänglich ist, oder noch genereller, wie durch Performanz die Bedeutung von Texten verändert werden kann.

 

Das Symposium fand im Oktober 2012 an der Chuo-Universität in Tokyo statt.

Im Rahmen dieses Forschungsprojektes habe ich mich u.a. mit dem Thema Schatten auseinandergesetzt.

 

Publikation:

Inszenierte Schatten.
Das Schattenspiel als theatralisches Genre in der deutschen Literatur zwischen Empfindsamkeit und Romantik

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Inhalt:

Die Ästhetisierung des Schattens im Schattenspiel des 18. Jahrhunderts

  • Johann Benjamin Michaelis, Die Schatten
  • Johann Georg Jacobi, Elysium, ein Vorspiel mit Arien
  • Die Tiefurter Inszenierung des Schattenspiels von Minervens Geburt, Leben und Thaten
  • Bürgers Lenore als chinesisches Schattenspiel. Eine Aufführung in Regensburg

Das romantische Schattenspiel

  • Clemens Brentano, Der unglückliche Franzose oder Der Deutschen Freiheit Himmelfahrt
  • Achim von Arnim, Das Loch, oder: Das wiedergefundene Paradies
  • Justinus Kerner, Reiseschatten, verfasst von dem Schattenspieler Luchs

Vom inszenierten zum erzählten Schatten

  • Adalbert von Chamisso, Peter Schlemihls wundersame Geschichte

 


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