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Foucault/Manet

Michel Foucault: Die Malerei von Manet. Übers. von Peter Geble. Berlin: Merve Verlag 1999. 63 S.

 

“Mir gefällt an der Malerei ganz besonders, daß man wahrlich gehalten ist, genau hinzuschauen”, hat Foucault einmal gesagt. Spätestens seit 1966 faßte Foucault ernsthaft die Absicht, ein Buch über Manet zu schreiben, als er nämlich einen Vertrag mit Jérome Lindon für ein Buch abschloß, das den Titel “Le Noir et le surface” tragen sollte. Das Buch ist allerdings nie geschrieben worden. Auch nicht, als er ein Jahr später den Editions de Minuit einen Essay mit dem Titel “Le Noir et la couleur” vorschlug. Außer einigen Vorträgen, die er in den Folgejahren an verschiedenen Orten hielt, blieb nichts von der Idee. Das vorliegende Büchlein stützt sich auf die am 20. Mai 1971 in Tunesien vorgetragene Lesung.

Die These des Vortrags ist, daß Manet über den Impressionismus hinaus “die ganze nachimpressionistische Malerei möglich gemacht” hat (S. 5). Das Neuartige liege gerade darin, daß er es gewagt hat, “in seine Gemälde, in das, was sie darstellen, die materiellen Eigenschaften der Fläche, auf die er malte, einzubeziehen” (S. 6). Seit dem Quattrocento tendierte die Malerei dazu, diese Tatsache vergessen zu machen und zu verschleiern, daß auf einem Stück Leinwand Farbe aufgetragen wird, auf einem Stück Oberfläche, die ganz real beleuchtet wird von einer bestimmten realen Lichtquelle, die sich je nach Aufhängung oder Tageszeit verändern kann. Manet hingegen, so Foucault, “erfindet aufs neue, womöglich auch zum ersten Mal, das Bild als Objekt, das Bild als Materialität, als farbigen Gegenstand, der von einem äußeren Licht beleuchtet wird und um das herum sich der Betrachter bewegen kann” (S. 10).

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    Abb. 1: Manet, Der Tod des Maximilian     –    Abb. 2: Der Hafen von Bordeaux

Foucault analysiert vierzehn Bilder unter folgenden drei Aspekten: erstens, der Aufteilung (dem Abschluß) des Raumes; zweitens, der Verwendung von Lichtquellen, die nicht innerhalb des Bildes situiert sind, sondern als das wirkliche Licht außerhalb; und drittens, der Stellung des Betrachters. Daß bei dem Gemälde Der Tod des Maximilian der Abstand zwischen den Soldaten und den Opfern aufs Minimum geschrumpft ist, daß die Gewehrläufe die Opfer berühren, daß aber ein anderer Abstand angedeutet wird, indem die Soldaten kleiner erscheinen, wird von Foucault nicht als Symbolisierung heroischer Größe interpretiert, sondern in der Funktion hinsichtlich der Auflösung der Betrachtungsprinzipien untersucht. In der Raumaufteilung des Bildes Der Hafen von Bordeaux findet Foucault in einem Geflecht horizontaler und vertikaler Linien der Schiffsmasten die Geburtsstunde der abstrakten Malerei. “Es ist, als wollte das Gewebe der Leinwand selbst zum Vorschein kommen und seine innere Geometrie offenbaren” (S. 20).

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Abb. 3: Manet, Un Bar aux Folies-Bergères

Die interessanteste Interpretation aber bietet Foucault anhand des Bildes Un Bar aux Folies-Bergères. Vor einem Spiegel, in dem alles, was vor ihm liegt abgebildet wird, steht eine Bardame, deren Rücken wir wiederum im Spiegel sehen. Dort erblicken wir aber auch in der äußersten rechten Ecke das Gesicht eines Mannes, das sich der Frau zuwendet. Das seltsame ist, daß die Perspektive nicht stimmt. Um das Spiegelbild so zu sehen, wie es das Gemälde zeigt, müßten Maler und Betrachter, die dem Spiegel frontal gegenüber stehen, sich seitlich der Frau befinden. Der Maler nimmt also gleichzeitig zwei miteinander nicht vereinbare Positionen ein. Eine Lösung des Paradoxes wäre, wenn der Spiegel schräg stände. Allerdings verläuft der Spiegelrand parallel zum Bildrand, womit diese Lösung ausgeschaltet wäre. Der Maler (wie auch der Betrachter) muß also zwei Positionen einnehmen. Der Betrachter wird in das Bild hineingezogen bzw. hineingedreht und zwar genau um die Mittelachse, die durch das Gesicht der Frau, ihre Brosche und die Knöpfe festgelegt wird. (Was Foucault nicht erwähnt, ist, daß eine Radiographie ergeben hat, daß Manet die Figur zweifach übermalt und damit verschoben hat.) Aufgrund des fehlenden Schattens, den der Mann auf die Frau werfen müßte, da das Licht frontal von vorn kommt, schließt Foucault auf eine gleichzeitige An- und Abwesenheit des Malers. “Damit es ein Spiegelbild gibt, müßte jemand da sein, und damit es eine Beleuchtung gibt, dürfte niemand da sein” (S. 44). Es sind also nicht nur die materiellen Grundelemente der Leinwand, die Manet in das Bild aufnimmt, sondern auch die Perspektive des Malers selbst, seine abwesende Anwesenheit. In einer dreifachen Unmöglichkeit (der Maler muß da und dort sein; es muß jemanden und niemanden geben; es gibt einen aufwärts und einen abwärts gerichteten Blick) zu wissen, wo man stehen müßte, um zu sehen, was zu sehen ist, begreift Foucault die Kennzeichen dieses Gemäldes und den Grund für die Begeisterung, die man bei seiner Betrachtung empfindet. Manet hat also einen Raum geschaffen, der nicht normativ die Position des Betrachters festschreibt, sondern dem gegenüber verschiedene Positionen eingenommen werden können: Der Betrachter bewegt sich vor dem Gemälde und indem die Vertikale und Horizontale ständig verschoben und verdoppelt werden, tritt die Leinwand in ihrer Physis in Erscheinung.

Gerade weil dieser Vortrag nicht in die französische Gesamtausgabe “Dits et Ecrits” aufgenommen worden ist, stellt er eine besondere Rarität dar, die zudem eine kurze, gelungene Einführung in die Malerei Manets bietet.

(1999)

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