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Raymond Roussel

Raymond Roussel: Neue Impressionen aus Afrika. Aus dem Franz. von Hanns Grössel, Berlin: Zero Sharp, 2016. 192 S., kart., € 22.–

Raymond Roussel, neue impressionen aus afrika

 

Der 1933 durch Freitod aus dem Leben geschiedene Romancier und Dichter zählt noch heute zu den relativ unbekannten französischen Schriftstellern der frühen Moderne. Berühmtheit erlangte er in literarischen ‚Insiderkreisen‘, insbesondere bei den Surrealisten, aufgrund seines außergewöhnlichen Imagination, die jedoch nicht, wie sich nach einer ersten Lektüre seiner Romane vermuten ließe, auf den Einfallsreichtum des Schriftstellers zurückzuführen ist, sondern auf die kalkulierte Anwendung sprachlicher Verfahren: „Scheinbar triumphiert der Zufall an der Oberfläche der Erzählung“, schrieb einmal Michel Foucault über Roussels sogenannte „Genese-Texte“: „Aber diese Monstrositäten ohne Gattungen oder Familien sind notwendige Begegnungen, sie gehorchen mathematisch dem Gesetz der Synonyme und dem Prinzip der genauesten Ökonomie; sie sind unvermeidlich.“

Der Berliner Verlag zero sharp hat sich zur Aufgabe gesetzt, bislang unpublizierte Werke dieses lange Zeit verkannten Autors zu veröffentlichen und vergriffene Ausgaben den Lesern in Neueditionen wieder zugänglich zu machen, so auch die 1932 erschienenen Nouvelles Impressions d’Afrique, einem Prosa-Text in vier Gesängen, begleitet von 59 bildlichen Anweisungen, der auf Deutsch vor 37 Jahren in der Übersetzung von Hanns Grössel in der Edition text+kritik herausgegeben wurde. In der vorliegenden Neuausgabe wird Roussels Text durch einen Brief von Henri-Achille Zo an den Autor und mehrere Essays über Roussel ergänzt, u. a. von François Caradec, Jean Ferry, J. B. Brunius, Daniel Liebeskind, Michel Leiris, Raymond Queneau, Salvador Dali und Alain Robbe-Grillet, wobei die Gesänge der Neuen Impressionen immer wieder durch die Sekundärtexte unterbrochen werden. Den Abschluss bilden zwei Nachworte von Hanns Grössel und vom Verleger Maximilian Gilleßen.

Im Gegensatz zu den „Genese-Texten“, den frühen Erzählungen und Romanen wie Impressions d’Afrique (1910) oder Locus Solus (1914), scheinen die Wörter hier gleichsam auf der Oberfläche der sichtbaren Dinge entlangzulaufen, um sich dann aber in einem labyrinthischen System von Parenthesen, Aufzählungen und Anspielungen wieder von ihnen zu entfernen. Statt der Sprachmaschinen sind jetzt Sichtbarkeitsmaschinen am Werk: Ausgangspunkt ist ein nebensächliches Detail wie z. B. eine Papiervignette, ein Federhalter, ein Flaschenetikett oder ein Vergrößerungsglas. Die Sprache wendet sich den stummen Gestalten der Dingwelt zu; doch die Sorgfalt gegenüber den Details lässt sie allmählich im Schweigen der Objekte aufgehen. Durch Weitschweifigkeit und permanente Anhäufung von Wörtern wird versucht, die Sichtbarkeit der Dinge in der Sprache bruchlos wiederherzustellen. Doch erweist sich das Sichtbare als endlos, denn es gibt immer noch mehr zu sehen, und so bewegt sich die Sprache immer am Rand zum Noch-Nicht-Gesehenen bzw. Noch-Nicht-Gesagten. Zum einen erschöpft sich Roussels Sprache in der Beschreibung aller Einzelheiten, zum anderen aber scheint es, als ob sie durch ihre Weitschweifigkeit und Unersättlichkeit an die Dinge und deren Stummheit selbst zurückgegeben worden ist.

Wenn man mit Roussel durch ein Vergrößerungsglas blickt, dann wird weder dem Instrument des Sehens noch der Irrealität des Gesehenen besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Stattdessen wird der Blick durch einen rückwirkenden Effekt gleichsam ‚in Klammern‘ gesetzt und auf eine andere Stufe gehoben, so wie es die Neuen Impressionen in ihrem sprachlichen Arrangement vorführen:

(((((so auch: – gegen Mittag der Schatten auf der Sonnenuhr,

der anzeigt, dass der Magen seinen Tribut fordert;

– bei Frost, auch wenn man das leugnen sollte, das Urmeter;

– eine aufgekrempelte Hose, die dem Kote trotzt;

– eine Zeitung auf dem gelochten Brett eines Häuschens;

– der reparaturbedürftige Stiefel, dessen Absatz abgetreten ist;

– was ein Rabbiner behutsam mit den Nägeln bloßlegt;

– der Tellerstapel eines Dieners, wenn er aufdeckt;

– eine lauwarme Rückenlehne, die ein Friseur bewegt;

– beim Wecken das Metermaß, das ein ehemaliger Soldat besitzt; […]

– der Strahl des Gartenschlauchs, wenn der Sprengende dem Durst nachgibt;

– der schwankende Faden, den die Spinne hochklettert;

– ein anständiger Schatz am Rande eines grünen Tuchs [gemeint ist die gewonnene Summe am Spieltisch];

– eine Zigarre, die zum Stummel geschrumpft ist;

– die Sonnenscheibe am Himmel des Neptun;))))) (S. 43–45)

Auf diese Weise entsteht ein, was die beschriebenen Dinge betrifft, schier endloses Gedicht, in dem die Wörter zwischen den Klammern von Klammern wie in parenthetischen Wäldern wuchern. In der Mitte – zwischen einfachen Klammern – befindet sich ein Opernglas in Anhängerform, also wiederum ein Sehinstrument. Diese innerste Klammer wird durch die Beschreibung zweier Fotografien von den Bazaren Kairos und einem Kai in Luxor umschlossen, die in das Opernglas eingefasst sind. So wächst das Gedicht unaufhaltsam mit seinen parenthetischen Verschachtelungen, seinen Seitenzweigen und Verästelungen.

 

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Neben den Parenthesen gibt es dann noch einhundertvierunddreißig Anmerkungsverse, die eine Art Wurzelwerk bilden. Durch dieses verbale Labyrinth wird man am Faden der Verse und Reime, die in der deutschen Übersetzung jedoch nicht mehr nachvollziehbar sind, bis zu einer neunten Ebene der Einfassung geführt. Auf dem höchsten Punkt der Verschachtelungspyramide in den Anmerkungen des vierten Gesangs findet man schließlich die Bemerkung: „– zu schweigen ist manchmal reichlich Gelegenheit“ (S. 130). Das Schweigen wäre somit die zehnte Ebene, die es im sprachlichen Wachstum aber nicht mehr gibt: der äußerste der Sichtbarkeitsringe, die durch die Parenthesenverschachtelungen gebildet werden.

Die Sprache der Neuen Impressionen ist linear und zirkulär zugleich: linear, weil sie Substantive und angefügte Nebensätze Zeile für Zeile aufeinander aufbaut, und zirkulär, weil die Klammern einen Kern umschließen und immer weitere Ellipsen einschieben. Jede neue Hinzufügung bringt das bisherige Gleichgewicht durcheinander und fordert zur Rekonstruktion der bisherigen Struktur auf. So entsteht eine Rückbezüglichkeit, die mit jeder Klammer, jeder Verästelung, aufs Neue überdacht und korrigiert werden muss. Durch das unentwegte Ineinandergreifen der Klammern verliert die Sprache dann wieder das Sichtbare: Es entgleitet ihr endgültig, und so hat es den Anschein, als verdunkle sich das Sichtbare, obwohl doch alles vom Licht durchflutet ist. In dieser voranschreitenden Verdunkelung löst sich die Sprache schließlich auf. Trotz ihrer überdeutlichen Sichtbarkeit werden die Dinge durch eine elliptische und metaphorische Sprache verhüllt, die sich um das Beschriebene legt. Die Dinge werden nicht erfasst, nicht als das dargestellt, was sie sind, sondern nur an ihrer äußersten Oberfläche beschrieben, beispielsweise durch ein auffälliges, ansonsten aber unwichtiges Detail. Mit jeder Zeile, mit jeder Verschachtelung und jeder neuen Verästelung entfernt sich die Sprache von Dingen, die eben nicht als Gegenstände in den Blick genommen, sondern als äußerliche, rätselhafte Ringe erscheinen, auf die ein zerstreuter Blick wie zufällig trifft, während das Sein der Dinge, das Innere des Kreises, dunkel bleibt. Nichts bietet sich wirklich dem Blick dar. Die Dinge erscheinen gleichsam ohne Blick oder jenseits des Blicks, in ihrem rätselhaften Sein, das sich dem Zugriff des Blicks entzieht.

Das mag auch erklären, warum den Dingen in Roussels Universum Maßstäbe und Proportionen fehlen. Bullauge und Damenarmband werden gleichermaßen wahrgenommen; ein winziges Detail existiert neben einem riesengroßen Karnevalskopf, Dinge und Menschen werden durcheinandergeworfen. Es gibt keinen privilegierten Punkt, um den herum oder von dem aus alles gesehen wird. Stattdessen findet sich der Leser in einem Labyrinth von Sicht-Zellen vergleichbarer Größe, die unbewegliche Landschaften einfassen und sich in unzähligen Kreisen neben- und ineinander häufen, scheinbar ohne wechselseitige Beziehung.

Das gesamte Werk Roussels kreist um eine einzigartige Erfahrung, die Foucault mit dem Bild einer „eingeschlossenen Sonne“ zu veranschaulichen versuchte. Dabei geht es um die Verbindung der Sprache mit jenem unscheinbaren Raum, der das Sichtbare vom Sagbaren trennt.

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