arne klawitter

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Asian German Studies

Forschungen auf dem Gebiet der »Asian German Studies«

 

Auf dem Gebiet der »Asian German Studies« bewegen sich meine Forschungen zur Rezeption chinesischer Schriftzeichen, Dichtungen und Werke der bildenden Künste in der vornehmlich deutsch- und englischsprachigen Literatur- und Geistesgeschichte im Rahmen einer vergleichenden Ästhetik. Dabei interessiere ich mich besonders für eine ästhetische Sinnlichkeit, die im ostasiatischen Kulturkreis in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen anzutreffen ist, aber für einen westlichen Leser bzw. Betrachter gewissermaßen unterhalb der Wahrnehmungsschwelle liegt. Ein Beispiel dafür ist 淡 (›dan‹, jap. ›tan‹), das sich nur sehr schwer übersetzen lässt, erst recht nicht mit einem einzigen Begriff: In der Kunst drückt es eine gewisse Blässe oder Fadheit aus, in der Dichtung eine in der Verflüchtigung der Bedeutung aufscheinende zurückhaltende Subtilität. Diese Subtilität wird in der chinesischen Dichtung, beispielsweise in einem Gedicht der Tang- oder Song-Zeit, nicht diskursiv bezeichnet (signifiziert), sondern lediglich indiziert. In China hat sich daher auch kein Diskurs über dieses dan konstituiert, vergleichbar mit westlichen ästhetischen Abhandlungen, was das Verständnis dieses ästhetischen Konzepts (wenn man hier überhaupt von einem ›Konzept‹ sprechen kann) enorm erschwert. Die Frage, die sich für eine vergleichende Ästhetik stellt, ist, wie man einem westlichen Leser bzw. Betrachter von Schriftzeichen, Dichtungen oder Kunstwerken die verschiedenen ästhetischen Facetten des Blassen/Faden, das für ihn zunächst einmal unterhalb der Wahrnehmungsschwelle liegt und für das es keine entsprechende ästhetische Kategorie gibt, ›spürbar‹, d. h. sinnlich wahrnehmbar und verständlich zu machen. Ähnliches gilt für die in der chinesischen Dichtung gebräuchlichen Strategien der ›Allusion‹ bzw. ›Anregung‹ (xing) im Unterschied zur ›expliziten Beschreibung‹ (fu) und zum ›Vergleich‹ (bi).

Ästhetische Modalitäten wie diese werden bei Kulturvergleichen, Untersuchungen von kulturüberschreitenden Texten wie Reiseberichten, Übersetzungen und von »Literaturen ohne festen Wohnsitz« oft übersehen oder schlichtweg ignoriert. Vor diesem Hintergrund habe ich in meiner Habilitationsschrift (2012), die als Buch unter dem Titel »Ästhetische Resonanz« (2015) erschienen ist, die Rezeption chinesischer Schriftzeichen in der deutschsprachigen Literatur und Geistesgeschichte untersucht. Den europäischen Gelehrten war im 17. und 18. Jahrhundert durchaus bewusst, dass es in China eine ästhetische Wahrnehmung gibt, die sich von der im Abendland deutlich unterscheidet. Mich interessiert dabei vor allem, zu welchen poetischen Experimenten die chinesischen Schriftzeichen Anlass gaben, aber auch zu welchen technologischen Innovationen z. B. in der Drucktechnik die chinesischen Schriftzeichen führten. Es geht schließlich beim Buchdruck nicht nur um die korrekte Wiedergabe der Zeichen, was die Vermittlung ihrer Bedeutung garantiert, sondern auch um die Ästhetik der Schrift.

Bei diesen Untersuchungen stellte sich mir ein besonderes Problem: Um die ästhetische Wahrnehmung von Schriftzeichen erfassen zu können, musste ein Begriff gefunden werden, der es erlaubt, ihre vielschichtige affektive Wirkung zu beschreiben, wobei die Zeichen dazu nicht einmal lesbar sein müssen. Es geht also darum, Schriftzeichen jenseits ihrer Bedeutungsfunktion zu betrachten. Genau das scheint mir der Fall zu sein, wenn Philosophen wie Kircher oder Leibniz, die des Chinesischen nicht mächtig waren, Überlegungen über ihren Ursprung oder ihren universellen Charakter anstellten, wenn Dichter wie Ludwig August Unzer Gedichte im chinesischen Geschmack verfassten und dabei mit den exotischen Klängen spielten, wenn Goethe sich im Schreiben arabischer Schriftzüge übte oder Rückert das Shijing übersetzte, ohne ein Wort Chinesisch zu verstehen (als Vorlage diente ihm die lateinische Prosaübersetzung eines in China tätigen Missionars). Einen geeigneten Begriff für die Analyse fand ich schließlich bei Stephen Greenblatt, der die Resonanz und das Staunen beschrieben hat, die in einem Museum ausgestellte Objekte bei ihren Betrachtern auslösten. Im Verlauf meiner Untersuchungen habe ich dann die Resonanzwirkungen hinsichtlich ihrer klanglichen, schriftbildlichen und affektiven Dimension unterschieden.

Von besonderem Interesse waren chinesische Zeichen für diejenigen Schriftsteller, die Anfang des 20. Jahrhunderts nach China und Japan reisten, dort ein Reich (für sie) unlesbarer Zeichen vorfanden und die Erfahrung eines sekundären Analphabetismus machten, den sie in ihrer Muttersprache einfallsreich und tiefgründig reflektieren konnten. Genannt seien hier nur Max Dauthendey und Bernhard Kellermann. Ihnen erschienen die Sinogramme zwar als »schwarze Hieroglyphen«, »defizitäres Kuriosum« oder »diabolisches Enigma«, doch boten sie zur gleichen Zeit für die Dichtung genauso wie für die bildende Kunst einen Nährboden für Experimente verschiedenster Art (so bei Ezra Pound, Max Dauthendey und Max Kommerell).

Der Begriff der ästhetischen Resonanz lässt sich gleichermaßen auf die Zeicheninstallationen chinesischer Künstler wie Xu Bing und Gu Wenda anwenden. Seit der ersten Ausstellung seiner »Bücher des Himmels« (Tianshu, 1987–91) im Jahre 1988 in Peking haben Xu Bings modifizierte Schriftzeichen nicht aufgehört, die Betrachter zu verwirren und die eingeübten Lese- und Wahrnehmungsgewohnheiten in Frage zu stellen. Für sein monumentales Projekt erfand er ungefähr 4000 Zeichen, die gleichermaßen sowohl die Tradition als auch den Zeichencharakter der chinesischen Schrift hinterfragen. Das Ungewöhnliche an seinen Zeichenkonstrukten ist, dass ihnen keinerlei Bedeutung innewohnt; sie bleiben letztlich unlesbar, auch wenn man eine imaginäre Bedeutung in sie hineinlesen kann. Gerade weil sie aber den realen chinesischen Zeichen zum Verwechseln ähnlich sehen, setzen sie den Betrachter in Erstaunen und bringen ihn dazu, die unerwartete Situation des Nichtverstehens kritisch zu überdenken. Die nach der Emigration in die USA entwickelte »Square Word Calligraphy« (1994) wiederum irritiert dadurch, dass die scheinbar chinesischen Zeichen erst als lateinische Buchstaben lesbar werden und in englischer Sprache einen Sinn ergeben. In den »Büchern des Himmels« wird eine kulturhistorische Resonanz durch die exakt an den historischen Vorbildern orientierte Anwendung traditioneller Druck- und Buchbindetechniken erzeugt. Gleichzeitig unterläuft Xu Bing aber diese Resonanz, wenn er die kompliziert hergestellten Schriftzeichen in der Bedeutungslosigkeit stehen lässt, sie also ihrer kulturellen Bedeutung beraubt, was wiederum Staunen erzeugt. Die Schriftzeichen vermitteln durch ihre Unlesbarkeit ein »markantes Gefühl von Einzigartigkeit« und provozieren im Betrachter jene »Ergriffenheit«, die von Greenblatt mit dem Begriff des ›Staunens‹ akzentuiert wird. Bei der »Square Word Calligraphy« hingegen wird das Staunen durch die Resemantisierung der pseudo-chinesischen Schriftzeichen evoziert, die über ihre »formalen Grenzen hinaus in eine umfassendere Welt« (Greenblatt) wirken und es vermögen, diejenigen Kulturkräfte heraufzubeschwören, denen sie ursprünglich entstammen, nämlich die lange Tradition der Kalligraphie. Diese als solche genau erkannten Kulturkräfte werden dann vor allem in den erwähnten Folgeprojekten (»Square Word Calligraphy Classroom« und »An Introduction to New English Calligraphy«) in die Installation einbezogen und genutzt.

Ein weiteres meiner Arbeitsgebiete auf dem Gebiet der »Asian German Studies« betrifft die Reiseberichte über die Inseln in der Südsee und die durch sie inspirierten Dichtungen und philosophischen Abhandlungen. Die zu ihrer Zeit äußerst populären Reiseberichte der Südseefahrer und Berichte über sie – allen voran sind hier Louis Antoine Bougainville, Samuel Wallis und James Cook sowie Johann Reinhold Forster und sein Sohn Georg, die Cook begleiteten, zu nennen – lösten in den Jahren um 1770 und danach eine wahre Südsee-Begeisterung aus, die sich einerseits in der lyrischen Dichtung niederschlug – allerdings nur in einigen wenigen Werken mit literarisch-ästhetischem Anspruch –, andererseits aber auch in dem utopischen Vorhaben, in der Südsee eine Literaten- und Künstlerkolonie zu gründen. Bemerkenswert dabei ist, dass im Gegensatz zu dem von Edward Said untersuchten Orientalismus der aufklärungskritische Pazifikismus seit seiner Geburtsstunde mit umgekehrten Vorzeichen operiert. Vereinfacht gesagt: Das südliche Inselreich wird positiv und der Okzident durchweg negativ dargestellt. Untersucht werden neben der Tradition der »exotischen Nänie« (lyrische Dichtungen von Zachariä, Unzer, Bouterwek und Salice-Contessa) die im Anschluss an die Reiseberichte entstandenen sozialphilosophischen und zivilisationskritischen Schriften z. B. von Jacques Victor Edouard Taitbout de Marigny (Essai sur l’isle d’Otahiti, située dans la mer du sud, et sur l’esprit et les moeurs de ses habitants, Paris 1779, dt. Versuch über die Insel Otaheiti in der Südsee und über den Geist und die Sitten ihrer Einwohner) und Jean-Charles Poncelin de la Roche-Tilhac (Histoire des révolutions de Tahiti, avec le tableau du gouvernement, des mœurs, des arts, et de la religion des habitants de cette île, Paris 1782, dt. Geschichte der Revolutionen von Tahiti, nebst einer Schilderung der Staatsverfassung, der Sitten, der Künste und der Religion der Bewohner dieser Insel). Wie dem Untertitel zu entnehmen ist, handelt es sich dabei angeblich um Aufzeichnungen des Tahitianers Aoturu, den Bougainville mit nach Frankreich brachte. Tatsächlich aber entwirft Poncelin de la Roche-Tilhac die fiktive Geschichte der ersten Bewohner von Tahiti, den Mirmidonen, und stellt dar, wie ihre ursprünglich natürlichen Sitten durch Egoismus, Missgunst und Zwietracht nach und nach verdorben werden und ihre gemeinschaftliche Harmonie von Grund auf zerrüttet wird. In Umkehrung der Grundkonzeption Taitbouts, der vornehmlich die verheerenden Konsequenzen des europäischen Einflusses auf die Bevölkerung Tahitis offenlegt, sucht Poncelin de la Roche-Tilhac seinerseits vermittels der Idealisierung der Südseeinsel Tahiti indirekt die politischen und sozialen Missstände in Frankreich anzuprangern.

 

Ausgewählte Publikationen:

 

Poetische Kuriosität oder dichterisches Experiment? Ludwig August Unzer und seine Nänie im chinesischen Geschmack, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 85/4 (2011), S. 489-507.

Wie man chinesisch dichtet, ohne Chinesisch zu verstehen. Deutsche Nach- und Umdichtungen chinesischer Lyrik von Rückert bis Ehrenstein, in: Arcadia 48/1 (2013), S. 98-115.

Gedichte ohne Vorlage. Ludwig August Unzers chinesische Sonette, in: Euphorion 107/4 (2013), S. 421-436.

Monströse Ordnungen. Über Christoph Gottlieb von Murrs Versuch, die chinesische Schrift als eine Universalsprache einzuführen und eine Nomenklatur fremdartiger Tiere auf Chinesisch zu erstellen, in: Archiv für Kulturgeschichte 95/2 (2013), S. 359-374.

„Komprimierte Kunstpillen“. Das moderne Haikai bei Yvan Goll, in: Études Germaniques 68/3 (2013), S. 475-488.

Die ästhetische Resonanz unlesbarer Zeichen. Die Dekonstruktion der Schrift bei Xu Bing und Axel Malik, in: Kodex. Jahrbuch der internationalen Buchwissenschaftlichen Gesellschaft 3 (2013), S. 99-114.

Die poetische Funktion chinesischer Ideogramme bei Fenollosa und Pound, in: Anglia. Zeitschrift für englische Philologie 132/4 (2014), S. 740-756.

„Kein Umriß – nur ein weißer Schatte“. Fernöstliche Ästhetik in Max Kommerells Gedichten Mit gleichsam chinesischen Pinsel, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 88/1 (2014), S. 95-111.

Ästhetische Resonanz. Zeichen und Schriftästhetik aus Ostasien in der deutschsprachigen Literatur und Geistesgeschichte, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht uni-press 2015.

Die Poetisierung des Analphabetismus. Fiktionalisierungen einer fremden und unlesbaren Schrift bei Max Dauthendey, Bernhard Kellermann und Henri Michaux, in: Germanisch-Romanische Monatsschrift 65/3 (2015), S. 299-316.

»Lyrische Wallfahrten zur Insel der Unschuld. Otaheiti und die europäische Kulturkritik um 1800«, in: Pazifikismus. Poetiken des Stillen Ozeans, hg. von Johannes Görbert, Mario Kumekawa und Thomas Schwarz, Würzburg: Königshausen & Neumann 2016, S. 143–156.

Von Menschenfressern und Wolfsmenschen. Kannibalismus bei Lu Xun und Albert Ehrenstein, in: Comparatio 9.2 (2017), S. 339-354.

Fernwestliche Schrifträume. Die Zeichenwelten des chinesischen Künstlers Xu Bing, München: Iudicium 2018.

 

 

 

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