arne klawitter

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DDR-Literatur

Heterotopos als Beschreibungskategorie der DDR-Literaturgeschichtsschreibung

Laufzeit 2014-2017, gefördert von der Japan Society for the Promotion of Science

 

Das Forschungsprojekt sucht nach Beschreibungskategorien der DDR-Literaturgeschichtsforschung, die weder eine Entwicklungs- noch eine Verfallsgeschichte implizieren, sondern Raum-Zeit-Inseln mit spezifischen Funktionen innerhalb eines literarischen Feldes. Dazu bieten sich einerseits Bachtins Konzept des Chronotopos an, das kürzlich u.a. von Wolfgang Emmerich und Michael Ostheimer mit Bezug auf die DDR-Literatur vorgeschlagen wurde, andererseits Foucaults Konzept des Heterotopos, mit dessen Hilfe insbesondere die Samisdat-Literatur der 1980er Jahre untersucht werden soll.

Literatur:

Anke Bosse: Heterotopien. Zur deutschen Literatur vor und nach der ‚Wende‘, in: Akten des XI. Internationalen Germanistenkongresses Paris 2005, Band 10, Bern: Peter Lang 2007, S. 479-486.

Wolfgang Emmerich: Zwischen Chronotopos und Drittem Raum: Wie schreibt man die Geschichte des literarischen Feldes der DDR, in: „Nach der Mauer der Abgrund“? (Wieder-)Annäherungen an die DDR-Literatur, Hg. von Norbert Otto Eke, Amsterdam/New York: Rodopi 2013 (Amsterdamer Beiträge zur Neueren Germanistik 83), S. 29-42.

Michael Ostheimer: Ungebetene Hinterlassenschaften. Zur literarischen Imagination über das familiäre Nachleben des Nationalsozialismus, Göttingen: V&R unipress 2013.
 

Projekte:

Videovorlesung an der Waseda-Universität

Autonome Zeitschriftenliteratur und visuelle Poesie in der DDR der 80er Jahre

 

Der aus dem Russischen stammende Begriff bedeutet soviel wie ‚Selbst-Herausgeber‘. Gleichzeitig steht dieser Begriff für eine Generation von Künstlern, die andere Ansichten vertraten als die kommunistischen Kulturverwalter und die alternativ handelten mit dem Ziel, den staatlichen Kulturbetrieb und die politische Zensur zu umgehen.

ANSCHLAG: erschien von 1984-88 unregelmäßig in Leipzig, insgesamt 10 Hefte und 2 Sonderhefte. Schreibmaschine/Computer, diverse Grafiken, Fotos, begründet von Angelika Küssendorf und Wiebke Müller.

ARIADNEFABRIK: erschien von 1986-89, 22 Hefte, mit Texten von Jan Faktor, Stefan Döring, Andreas Koziol, Elke Erb, Sascha Anderson u.a., herausgegeben von Rainer Schedlinski und Andreas Koziol. Schreibmaschine/Computer, Ablichtungen, Fotos und Grafik eingebunden.

„Als Rainer Schedlinski 1986 die Ariadnefabrik ins Leben rief, gab es weder ein Konzeptionspapier, noch eine Programmerklärung. Die Zeitschrift ist aus einer Bewegung heraus entstanden: In Berlin, Dresden, Leipzig und Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz) existierten bereits, in unterschiedlicher Qualität, vergleichbare Zeitschriften. Diese in der Grauzone zwischen Legalität und Illegalität gefertigten Hefte waren: MIKADO, UND, USW, SCHADEN, ANSCHLAG, ENTWERTER/ODER, A3.“ So beschreibt es Peter Böthig in Abriss der Ariadnefabrik, einer Anthologie, die 1990 im Druckhaus Galrev erschien.

MIKADO erschien von 1983-87 in unregelmäßigen Abständen, insgesamt 10 Hefte, Schreibmaschinenschrift kopiert, herausgegeben von Uwe Kolbe, Lothar Trolle und Bernd Wagner.

SCHADEN erschien von Okt. 1984 bis Nov. 1987 in insgesamt 17 Heften, Schreibmaschinendurchschläge, Fotos, Grafiken, Zeichnungen, hg. unter anderen von Sascha Anderson, Peter Böthig, Heike Drews, Egmont Hesse.

LIANE erschien 1988 und 89 in Berlin in 6 Heften. Die Texte wurden durch Computerausdruck vervielfältigt.  Aus dem Editorial: „LIANE ist ein Kultur-Almanach und vereinigt Grafik, Literatur, Kritik, Comic und Dokumentation der unabhängigen Kunst und Kultur in der DDR.“

BRAEGEN erschien 1989, hg. v. Vrah Troth. „Mit der Erstellung einer gleichermaszen vagen wie klar umrissenen Bildwelt durch die hier vereinten Graphospasmen (Schreibkrämpfe), Graphiken, Montagen, Umfragen usw., zielt der BRAEGEN, einzig den Defekten und fixen Ideen seiner Autoren und seines Herausgebers verpflichtet, eher auf die Gefährdung und Desorientierung seines Lesers und Betrachters, als auf einen Dialog mit ihm.“

Der Titel „Ariadnefabrik“ wurde einem Gedicht von Sascha Anderson entnommen und bezieht sich auf einen Essay von Michel Foucault über Gilles Deleuze. Im griechischen Mythos gibt Ariadne Theseus ein Garnknäul, damit er aus dem Labyrinth wieder herausfinde, nachdem er den Minotaurus getötet hatte. Doch nach seiner Rückkehr verließ er sie im Schlaf. Seitdem gilt Ariadne als Symbol für das Schicksal der Verlassenen und der Ariadnefaden als Sinnbild des Erzählens, der sprachlichen Rekonstruktion der Wirklichkeit.

Foucault aber gibt dem Mythos eine andere Deutung:

„Ariadne war es müde, auf Theseus Wiederkehr aus dem Labyrinth zu warten, auf seinen monotonen Schritt zu lauern und sein Gesicht unter all den flüchtigen Schatten wiederzuerkennen. Ariadne hat sich erhängt. An der aus Identität, Erinnerung und Wiedererkennung verliebt geflochtenen Schnur dreht sich ihr Körper nachdenklich um sich selbst. Der Faden ist gerissen und Theseus kommt nicht wieder.“ (Michel Foucault, Der Faden ist gerissen. Berlin: Merve 1977, S. 7.)

ENTWERTER/ODER war die erste originalgraphische Künstlerzeitschrift und erschien seit 1982 in Berlin, herausgegeben von Uwe Warnke. Bis Ende 1989 gab es 37 Hefte, im Jahr 2000 feierte die Zeitschrift das Jubiläum ihrer 75. Ausgabe.

Von den DDR-Künstlerzeitschriften haben sich neben ENTWEDER/ODER nur noch die Berliner Zeitschrift „Herzattacke“ und die Dresdener „Spinne“ erhalten können.
 

Experimentelle Lyrik

Ab Mitte der 1980er Jahre spezialisierte sich die Zeitschrift Entwerter/Oder auf experimentelle   und vor allem visuelle Poesie.

Ein paradigmatisches Beispiel für die neue sprachexperimentelle Lyrik der 1980er Jahre ist Dörings Gedicht „wortfege“ (1988).

Stefan Döring (*1954), Studium der Informationstechnik in Dresden, seit 1980 freier Schriftsteller und Übersetzer. Er schrieb in den 1980er Jahren für die autonomen Zeitschriften aridnefabrik und schaden.

Das Gedicht „wortfege“ erschien in der Zeitschrift Neue deutsche Literatur, H. 6/1989.
 

wortfege

weinsinnig im daseinsfrack

feilt an windungen seiner selbst

wahrfässig er allzu windig

im gewühl fühlt er herum

und windet sich nochmal heraus

fund, kaum geborgen, bloss wort

wasser, lauernd, von wall zu wall

die spiegel mit fellen überzogen

wetter, uns umschlagend, dunst

die gewährten fegt es hinüber

die bleibenden gefahren erneut

der sich herausfand währt dahin

 
Dieses Gedicht mit Spielkistencharakter fordert zum Austausch der Konsonanten geradezu auf. Wenn man den Buchstaben „w“ durch ein „f“ ersetzt und umgekehrt, entsteht ein Subtext, um nicht zu sagen: ein neues Gedicht, dessen Wortlaut als eine zweite, wenn nicht als die ‚eigentliche’ Lesart des Augsangstextes angesehen werden kann:

 

fortwege

einsinnig im daseinswrack

weilt an findungen seiner selbst

fahrfässig er allzu findig

im gefühl wühlt er herum

und findet sich nochmal heraus

wund, kaum geborgen, bloss fort

fasser, lauernd, von fall zu fall

die spiegel mit wellen überzogen

fetter, uns umschlagend, dunst

die gefährten wegt es hinüber

die bleibenden gewahren erneut

der sich herauswand fährt dahin
 
 

Publikationen

Stimmen einer anderen DDR-Literatur in den selbst verlegten Literaturzeitschriften der 1980er Jahre,
in: Waseda Blätter 23 (2016), S. 7-19.

Waseda Blätter 2016 Stimmen einer anderen DDR-Literatur
 

Waseda Titelblatt    oeff

 

Öffentlichkeitsinseln. Literarische Öffentlichkeit in der DDR
mit dem Beitrag „Samisdat als Öffentlichkeitsinsel. Autonome Zeitschriften in der DDR“ –
ist im Oktober 2016 als Broschüre in der Studienreihe der JGG erschienen.

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