arne klawitter

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Meine Methoden

Kleiner Diskurs über »Meine Methoden«

Als ich dazu aufgefordert wurde, etwas über die Methode meiner wissenschaftlichen Untersuchungen und ihre Anwendung zu schreiben, war mir von Anfang an klar, dass ich eine Antwort nur mit dem Plural des Begriffs geben konnte, denn, einem allgemeinen Konsens folgend, gibt es ja nicht nur die eine, ultimative Methode, die sich beliebig auf jeden Forschungsgegenstand anwenden ließe; vielmehr erfordert der untersuchte Gegenstand hinsichtlich der anzuwendenden Methode stets eine genaue Überprüfung, ob diese ihm angemessen ist oder nicht, und ob nicht ein anderer Weg beschritten werden müsste.
Was mich betrifft, so wird man sicherlich von mir erwartet haben, dass ich in diesem Kontext zunächst von Michel Foucaults Diskursanalyse sprechen werde, die schon das Thema meiner Dissertation »Die ›fiebernde Bibliothek‹. Foucaults Sprachontologie und seine diskursanalytische Konzeption moderner Literatur« (Heidelberg 2003, Diss. Rostock 2001) war. Ich habe im Grunde aber nie eine Diskursanalyse der Literatur vorgenommen. Was ich versucht habe, war, den Weg aufzuzeigen, wie Foucault mittels einer sprachontologischen Betrachtung der Funktion von Literatur eine Methode, eben die Diskursanalyse, entwickelt hat, die nicht mehr für die Untersuchung literarischer Texte gedacht war, sondern für die Beschreibung und Analyse von Wissensformationen. Was bei dem Versuch, die noch weitgehend dunkel gebliebene ›Vorderseite‹ von Foucaults Denken über Literatur (seine Literaturontologie) zu beleuchten, zum Vorschein kam, war, dass sich gleichsam auf der ›Rückseite‹ des sprachontologischen Denkens bereits eine diskursanalytische Denkweise abzeichnete. An einem bestimmten Punkt war es mir dann möglich, Foucaults sprachontologische Problemstellung, wonach eine bestimmte Literatur (insbesondere die Texte von Roussel, Bataille, Blanchot und Klossowski) mittels Figuren der Verdoppelung, Spiegelreflexion und Überschreitung das nicht-signifikative Sein der Sprache zur Sprache bringt, in eine diskursanalytische Betrachtungsweise zu überführen. Dabei wurde mir die Radikalität des Foucault’schen Nachdenkens über Literatur, das übrigens dem des späten Roland Barthes sehr nahe ist, erst richtig bewusst. Ihrer Ansicht nach besteht die Aufgabe der Literatur gerade nicht darin, das Unsagbare sagbar zu machen – was man ja Foucault immer wieder unterstellt hat –, sondern, genau umgekehrt, das Sagbare unsagbar zu machen. Für Foucault ist die moderne Literatur nicht einfach ein »Gegendiskurs« zu dem in einer Epoche hervorgebrachten Wissen, sondern vielmehr ein »Diskurs über den Nicht-Diskurs«, womit er sagen will, dass die literarischen Fiktionen von Kafka oder Blanchot nicht darauf hinaus laufen, das Unsichtbare sichtbar zu machen, sondern zu zeigen suchen, wie unsichtbar die Unsichtbarkeit des Sichtbaren ist.
Nachdem ich meine Dissertation über Foucault abgeschlossen hatte und ich mich fragte, mit welchem Thema ich mich weiter beschäftigen sollte, kam mir der Zufall zu Hilfe: Im Jahr 2003 besuchte ich in Berlin eine Ausstellung, auf der die Zeicheninstallationen des chinesischen Künstlers Xu Bing präsentiert wurden, der über viertausend pseudo-chinesische Schriftzeichen entwarf, die den realen Zeichen täuschend ähnlich sahen, die er aber mit ebenso großer Raffinesse wie simplen Mitteln dahingehend manipuliert hatte, dass sie im Endeffekt trotz scheinbarer Vertrautheit unlesbar waren. Was die moderne Literatur von Roussel oder Blanchot durch diskursive Strategien bewirkt hatte, erreichte Xu Bing mit seinen unlesbaren Schriftzeichen allein über die Schriftbildlichkeit, d. h. in der Domäne des Sichtbarkeit. Die anschließenden Jahre, die ich in China und Japan verbrachte, führten mich in ein Reich stummer, unlesbarer Zeichen und konfrontierten mich mit dem Problem der ›Sprachenlosigkeit‹, d. h. einem sekundären Analphabetismus, und so wurde der Ausspruch von Deleuze: »Es gibt keinen Logos, es gibt nur Hieroglyphen« unvermutet zur alltäglichen Wirklichkeit. Die nähere Bekanntschaft mit der ostasiatischen Zeichenwelt, ihrer Kunst und Literatur, brachte mich dann auf den Gedanken, ob es nicht möglich wäre, eine Methode zu entwickeln, mit deren Hilfe man eine ästhetische Wahrnehmungsweise in ihrer affektiven Wirkung beschreiben könnte, wie man sie in der westlichen Kultur eigentlich nicht kennt, so z. B. die durch das chinesische Zeichen 淡 (›dan‹, jap. ›tan‹) bezeichnete Fadheit bzw. Subtilität. Weder die Diskursanalyse noch irgend eine andere Methode wie die Kulturhermeneutik oder Ähnliches boten hier eine Lösung, zumal in China keine einschlägigen Abhandlungen zu diesem Thema verfasst wurden, die man dann nur zu interpretieren oder zu kommentieren hätte. Wichtig war für mich die Erkenntnis, dass die Subtilität des dan beispielsweise in einem Tang-Gedicht nicht diskursiv bezeichnet (signifiziert), sondern gewissermaßen indiziert wird, und dass dieses dan in seinen verschiedenen ästhetischen Facetten für den westlichen Leser unterhalb der Wahrnehmungsschwelle liegt: Es gibt in der westlichen Kultur keine entsprechende ästhetische Kategorie. Dies war dann auch der Ausgangspunkt für eine neue Sichtweise auf die Rezeption chinesischer Schriftzeichen in der deutschsprachigen Literatur und Geistesgeschichte. Den Gelehrten in Deutschland, Frankreich oder England war schon im 17. und 18. Jahrhundert sehr wohl bewusst, dass den Chinesen eine ästhetische Wahrnehmung eigen war (auch bei Schriftzeichen), die man in Europa nicht kannte. Erschwert wurde das Verständnis für diese besondere ästhetische Dimension dadurch, dass sie, wie gesagt, in China nicht diskursiviert worden war, wie man es aus der westlichen Philosophie bzw. Ästhetik kannte, mehr noch, dass ihre Subtilität es offenbar überhaupt nicht erlaubte, einen Diskurs auszubilden, eben weil die Zeichen, um die besagte Wahrnehmung auszulösen, nicht signifizieren, sondern lediglich indizieren – eine Zeichenfunktion, die Semiotikern wie Peirce nicht unbekannt ist. Ich hatte also für meine Analyse einen Begriff zu finden, mit dem man die vielschichtige affektive Wirkung dieser ästhetischen Wahrnehmung erfassen konnte, die sich jenseits der Bedeutungsfunktion von Zeichen entfaltet. Fündig wurde ich schließlich bei Stephen Greenblatt, bei dem ich im Frühjahr 1995 ein Semester lang studiert hatte und dessen unorthodoxe Herangehensweise an die von ihm untersuchten Themen und Gegenstände für mich als Studenten besonders interessant war. In einem Aufsatz über Ausstellungsobjekte im Museum spricht er von der Resonanz bzw. von dem Staunen, das diese Objekte im Betrachter auslösen, und diese Begriffe schienen mir geeignet, um weiter ausgeführt und auf meinen Gegenstand übertragen zu werden, denn genau das war es, was die chinesischen Zeichen (und auch Xu Bings pseudo-chinesische Zeichen) bei den europäischen Betrachtern auslösten (und heute noch auslösen). Da ich nun meinen Untersuchungsgegenstand auf die Rezeption chinesischer Zeichen in der deutschen Literatur und Geistesgeschichte eingegrenzt hatte, unterschied ich im Verlauf meiner Überlegungen zwischen der klanglichen, schriftbildlichen und affektiven Resonanz, wie sie sich in der Auseinandersetzung mit chinesischen Zeichen, Kunstwerken oder Dichtungen bei Gelehrten wie Kircher und Leibniz, bei Dichtern wie Goethe oder Unzer, Dauthendey oder Kommerell beobachten ließ. So gesehen, musste ich also eine völlig neue Herangehensweise entwickeln, da ich die Zeichen nicht in ihrer signifikativen Funktion betrachtete, sondern vorrangig in ihrer resonanzästhetischen Wirkung.
Während ich an der Habilitationsschrift »Transkulturelle Resonanz. Ostasiatische Zeichenästhetik in der deutsch- und englischsprachigen Literatur« (erschienen 2015 bei V&R unter dem Titel »Ästhetische Resonanz«) arbeitete, stieß ich bei meinen Recherchen auf den mir bis dahin völlig unbekannten Dichter Ludwig August Unzer (1748–1774), der jung an Tuberkulose gestorben war und einem Kreis ästhetischer Freigeister angehörte, zu dem auch Jakob Mauvillon (1743–1794) und Heinrich Friedrich Diez (1751–1817) zählten. Unzer beschäftigte sich u. a. mit der chinesischen Philosophie und Dichtung, verfasste als Beispiel innovativer Lyrik ein in seiner Zeit einzigartig dastehendes Gedicht unter dem Titel »Vou-ti bey Tsin-nas Grabe« (1772) sowie eine Abhandlung über die Ästhetik chinesischer Gärten (1773). Mauvillon war Professor für Kriegswissenschaft und -baukunst mit großem Interesse für Weltpolitik und Ökonomie und Anhänger der französischen Revolution; er übersetzte u. a. die Philosophische und politische Geschichte der Besitzungen und des Handels der Europäer nach beyden Indien von Guillaume Thomas François Raynal (1713–1796) ins Deutsche, einen, wie man heute sagen würde, ›Bestseller‹ der Spätaufklärung (Ostindien steht dabei für das asiatische Indien und die dortige Inselwelt wie das heutige Indonesien; Westindien für die sogen. ›neue Welt‹, die Karibik und Lateinamerika). Zusammen mit Unzer hatte er eine vor allem gegen den damaligen Publikumsliebling Gellert gerichtete Streitschrift »Ueber den Werth einiger Deutschen Dichter« (1771/72) verfasst, die großes Aufsehen erregte und in den Frankfurter gelehrten Anzeigen von Goethe anerkennend rezensiert wurde. Diez schließlich war Jurist und wurde 1784 als preußischer Gesandter nach Konstantinopel geschickt, wo er sich autodidaktisch zum Orientalisten bildete und nach seiner Rückkehr von Goethe bei dessen Recherchen zum West-östlichen Divan als Ratgeber konsultiert wurde. Alle drei waren Mitarbeiter der in Lemgo herausgegebenen »Auserlesenen Bibliothek der neuesten deutschen Litteratur« (1772–1781), einem Rezensionsorgan, das Nicolais »Allgemeiner deutscher Bibliothek« Konkurrenz machen wollte, indem sehr ausführlich nur ausgewählte Neuerscheinungen besprochen und darüber hinaus in einer längeren Abhandlung am Ende eines jeden Bandes die neuere Geschichte bzw. der gegenwärtige Zustand einer bestimmten Wissenschaft dargestellt wurden. Die Tatsache, dass es bislang keinerlei Grundlagenforschung zur Auserlesenen Bibliothek und ihren anonymen Mitarbeitern gab, war für mich dann eine lohnenswerte Herausforderung.
Meine Absicht war es zunächst, die Bedeutung dieses Lemgoer Rezensionsorgans neu zu bestimmen, denn die Konkurrenz (Wieland im Teutschen Merkur, Goethe und Merck in den Frankfurter gelehrten Anzeigen, Schmid im Leipziger Musenalmanach) äußerte sich durchweg abwertend über das neue Projekt, das in seinen Ambitionen keineswegs undurchsichtig, aber dennoch nicht genau einzuordnen war, keiner Strömung angehörte und vor allem nichts und niemanden verehren wollte. Spätere Forscher übernahmen weitgehend diese Vorurteile, ohne jedoch jemals einen genauen Blick auf die Texte selbst zu werfen. Einmal näher damit befasst, gelang es mir dann relativ schnell, eine Reihe der Siglen, mit denen die Beiträger ihre Rezensionen und Abhandlungen unterzeichnet hatten (denn alles erschien anonym), aufzulösen und bestimmten Verfassern zuzuordnen (vgl. meinen Aufsatz in den »Waseda Blättern« 21 (2014), S. 7-27). Die Entschlüsselung der Siglen war mit einer geradezu detektivischen Spurensuche verbunden, bei der alle möglichen Zeugnisse, wie z. B. Briefe, Gelehrtenlexika, entlegene und ephemere Publikationen, weit verstreute Rezensionen, Gegendarstellungen etc. mit einbezogen werden mussten, um zu einem Ergebnis zu gelangen. Methodisch war dies in erster Linie ein heuristisches Unternehmen, denn ich musste mit einem umfänglich sehr begrenzten Wissen  genügend philologisch abgesicherte Hinweise aufspüren, um die jeweilige Verfasserschaft eindeutig belegen zu können. Damit befand ich mich nun plötzlich in einem völligen Widerspruch zur Diskursanalyse, die sich zum Ziel gesetzt hatte, die Funktion und die Regelmäßigkeiten des Diskurses zu beschreiben, wobei der Autorname irrelevant, ja sogar hinderlich ist. »Literarische Anonymität«, sagt Foucault in »Was ist ein Autor?«, »ist uns unerträglich; wir akzeptieren sie nur als Rätsel.« Die philologische Arbeit mit anonymen Texten läuft im Grunde aber darauf hinaus, den Namen eines Autors festzustellen und zu sichern, um so den jeweiligen Text in ein konkretes Œuvre einzuordnen und seine Aussage in einen Bedeutungshorizont einzugliedern, um auf diesem Wege die Person und die individuelle Sichtweise des Autors deutlich zu machen. In meinem Falle heißt dies, dass sich an die Textkritik als conditio sine non qua als zweiter Schritt eine editionsphilologische Arbeit anschließt, da viele der bisher anonymen Rezensionen und Abhandlungen nun dem Werk eines bestimmten Autors zugeordnet werden konnten.
Um einem wie dem gerade geschilderten Manko gegenzusteuern, werde ich in den nächsten Jahren verschiedene von mir neu aufgefundene und entsprechend ihrer Relevanz neu bewertete Texte edieren und kommentieren, so u. a. die »Philosophischen Abhandlungen, Rezensionen und unveröffentlichten Briefe« (1773–1784) von Heinrich Friedrich Diez, die bei diesem Vorhaben den Anfang machen und im Juni 2018 bei Königshausen & Neumann erscheinen werden. Die Fortsetzung werden ästhetische Schriften, Abhandlungen und Rezensionen Ludwig August Unzers sowie der von ihm gemeinsam mit Mauvillon verfasste Briefwechsel »Ueber den Werth einiger Deutschen Dichter« (1771/72) bilden, ferner ein neu zu entdeckender Schlüsselroman seines Bruders; folgen sollen dann kritische Ausgaben der Rezensionen Jakob Mauvillons und Michael Hißmanns in der Lemgoer »Auserlesenen Bibliothek«.
Mit den eben erwähnten Publikationen, die durch eine Reihe von wissenschaftlichen Aufsätzen in verschiedenen Fachzeitschriften begleitet werden sollen, verfolge ich das Ziel, auf die sehr zu unrecht Halbvergessenen der Literatur- und Geistesgeschichte aufmerksam zu machen, sozusagen auf die schattenhaften Begleiter literarischer Größen wie Lessing, Wieland und Goethe, die uns Auskunft geben über die damals aktuellen literaturtheoretischen und philosophischen Diskussionen, aber auch über die zeitgenössische Aufnahme eben jener Autoren und Werke, die für uns heute im Zentrum der Literaturgeschichte stehen. Damit wende ich mich gegen eine durch über fast zwei Jahrhunderte fortgeschriebener ›geglättete‹ Literaturgeschichte, die nur die von ihr kanonisierten literarischen Größen anstrahlt und alle anderen im Dunkel oder, was keinen großen Unterschied macht, im Halbdunkel stehen lässt, und sie damit unverdientermaßen auf eine ›Quantité negliable‹ reduziert – wie es Bertolt Brecht ebenso treffend wie resignierend am Ende seiner Moritat von Mackie Messer formuliert hat: »Und die einen sind im Dunkeln | und die andern sind im Licht | Und man siehet die im Lichte | die im Dunkeln sieht man nicht.«
Dies scheint mir dann auch ein guter Ausgangspunkt zu sein, um schließlich wieder zur Diskursanalyse zurückzukehren, womit mein Versuch gemeint ist, die heutzutage fest zementierten Grenzen des literaturwissenschaftlichen Kanons aufzubrechen und mit neuen Texten zu bereichern, um damit sozusagen ›diskursive Ereignisse‹ in den Diskurs über die deutschsprachige Literatur und ihre Geschichte einzuschleusen, d.h. ganz eigene, unparteiische und von Vorgaben unbelastete Meinungen über zeitgenössische Dichter oder bislang übersehene oder bewusst ignorierte programmatische Aussagen über Dichtung und Ästhetik das nötige Forum für eine kritische Auseinandersetzung mit ihnen zu verschaffen. Darüber hinaus sind Mauvillon, Diez und Hißmann auch als materialistische Denker für die Philosophiegeschichte interessant, denn noch immer hält sich das Vorurteil, dass es im 18. Jahrhundert in Deutschland eigentlich keine bedeutsamen Vertreter des Materialismus gegeben habe.
Textkritik und Editionsphilologie gehören, was wohl niemand bestreiten wird, zum unverzichtbaren Handwerkszeug eines Literaturwissenschaftlers. Andererseits unterscheiden sie sich essentiell von der Analyse literarischer Texte, bei der es in erster Linie darum geht, der Forschung neue Erkenntnisse über Literatur zu liefern und Methoden dahingehend zu befragen und zu erproben, ob sie erfolgreich angewandt werden können, d.h., ob man durch sie in die Lage versetzt wird, etwas sichtbar zu machen oder zu erklären, was durch andere Vorgehensweisen nicht möglich wäre. Durch die intensive Beschäftigung mit den Rezensionen der »Auserlesenen Bibliothek« hat sich im Hinblick darauf für mich ein weiterer Untersuchungsgegenstand künftiger Forschungen ergeben, bei dem es mir in erster Linie um die ›Wirksamkeit‹ des in den Rezensionen und Abhandlungen vermittelten Wissens geht. Den Ausgangspunkt dafür bildet die Frage, nach welchen Gesichtspunkten die rezensierten Bücher ausgewählt wurden und aufgrund welcher Grundsätze und Anschauungen man sie bewertete. Der eigentliche Gegenstand dieser Untersuchung zielt also auf die Wirksamkeit des Wissens und damit auf einen Begriff, den ich hier als Novum in die literaturwissenschaftliche Forschung und Wissenschaftsdiskussion einführen möchte: Wirksamkeit an Stelle von Wahrheit – ganz in dem Sinne, wie ich schon in meiner Habilitationsschrift versucht habe, die ästhetische Resonanz von Zeichen oder Texten zu untersuchen und nicht deren Bedeutungsgehalt bzw. Sinn.
Was aber ist unter ›Wirksamkeit‹ zu verstehen? Da wäre zum einen die Akzeptanz eines bestimmten Wissens innerhalb einer Wissenschaftsgemeinschaft zu nennen, gewissermaßen die kritische Resonanz, aber auch die praktische Relevanz des Wissens, bezogen auf Erfindungen und die Entwicklung von Technologien oder auf die Medizin, ebenso wie seine sozialen, politischen oder pädagogischen Implikationen und nicht zuletzt sein ökonomischer Nutzen. Eine solche Untersuchung richtet sich auf die dem Wissen immanenten (diskursiven und nicht-diskursiven) Praktiken, die seine Wirksamkeit determinieren. Es geht mir dabei, kurz gesagt, um eine Archäologie des wirksamen Wissens.
In diesem Kontext dienen mir die oben genannten Rezensionen und Abhandlungen über ihren ursprünglichen Zweck hinaus aus heutiger Sicht als eines der vielen möglichen Modelle für eine Erfassung von Archiven des Wissens, insofern sie nicht nur dessen Verwaltung besorgten, sondern eben auch den Anspruch erhoben, seine Wirksamkeit zu bestimmen. Von Überlegungen wie diesen ausgehend, ist das Archiv nicht auf seine Funktion als Aufbewahrungsort diskursiver Spuren zu reduzieren (das Archiv als Institution oder als Synonym für das dort Gespeicherte), sondern im Foucault’schen Sinne als System der Aussagbarkeit in den Blick zu nehmen. Zu den Wirkungen und Folgen des Rezensionswesens gehört in dem betrachteten Zeitraum von der Mitte bis zum Ende des 18. Jahrhunderts nicht nur die Klassifikation des Wissens der Aufklärung, sondern gerade auch seine Normalisierung, Homogenisierung und Popularisierung, was ermöglichte, verschiedenartiges Wissen einander anzugleichen und miteinander kommunizieren zu lassen, ein Verfahren, das dann letztendlich zur Konstitution der Wissenschaft (im Singular) führte, die zwar intern auf vielfältige Weise ausdifferenziert ist, aber in einem gemeinsamen Dispositiv organisiert wird und über ein einheitliches Organisations- und Kommunikationssystem verfügt, zu dem eben auch die unüberschaubare Menge der Rezensionen gehört. Insofern hat das Rezensionswesen einen erheblichen Anteil an der Durchsetzung der Wissenschaftlichkeit als diskursivem Regulator der polymorphen Wissensformen in der Zeit der Aufklärung, und zwar als eine Art »disziplinarischer Wissenspolizei«.
Gestützt wird diese Argumentation auch dadurch, dass viele der Mitarbeiter der »Auserlesenen Bibliothek« wie z. B. Schlözer, Beckmann, Erxleben, Crell und Hißmann daneben auf ganz unterschiedlichen Wissensfeldern ihre eigenen Fachzeitschriften publizierten – Ausdruck der internen Organisation jedes Wissens als einer Disziplin, die in ihrem eigenen Feld Auswahlkriterien zu etablieren suchte, um das ›falsche‹ Wissen bzw. das Nicht-Wissen fernzuhalten und den Dilettantismus zu bekämpfen, womit sie sich alle unmittelbar an der Übertragung dieses diskursiven Regulators auf die einzelnen Fachdisziplinen und damit überhaupt erst an deren Herausbildung beteiligten.
Die Archäologie des wirksamen Wissens wird methodologisch nicht auf die Zeit des 18. Jahrhunderts beschränkt bleiben können, sondern bis in das antike Griechenland zurückgehen müssen, wo man neben dem theoretischen Wissen (episteme) und dem praktischen Wissen (techné) auch den Gedanken eines pragmatischen Wissens (phronesis) kannte. Als phronesis bezeichnet Aristoteles jene praktische Klugheit, die im Unterschied zur philosophischen Weisheit grundsätzlich auf ein Handeln bezogen ist, ein moralisch-praktisches Urteilsvermögen, das den richtigen Einsatz des Wissens zum Gegenstand hat. Es ist ein Wissen darüber, welche Handlungen gut und welche schlecht oder nachteilig sind, d.h. es ist ein Wissen von der Wirksamkeit des Wissens. Vor diesem Hintergrund möchte ich nun meinerseits zeigen, wie sich in den Rezensionen der Aufklärungszeit neben dem theoretischen Wissen, das seinerseits Anspruch auf Wahrheit erhebt, gleichzeitig ein Wissen und damit ein Diskurs über die Wirksamkeit des Wissens konstituiert hat und welchen Regeln und Gesetzen dieser Diskurs folgte. Wissensarchäologie und das mit ihr verbundene Archiv sind für mich ein Instrumentarium zur Untersuchung der Vergangenheit mit dem Ziel, zu verstehen, wie und wodurch die Gegenwart geworden ist, was sie ist. Im Anschluss an Stephen Greenblatt, der den ›New Historicism‹ aus der Spannung von Resonanz und Staunen erklärt, ist der Antrieb zur Literatur- und Archivforschung für mich – und das möchte ich den Studierenden gern vermitteln – der Reiz, im Archivierten verschüttetes Wissen und darin, staunend, immer wieder Neues zu entdecken, um mit anderen Augen sehen zu lernen, und das Verschüttete in einer anderen Ordnung erscheinen zu lassen, um nicht zu sagen: es neu hervorzubringen.

(erschienen in leicht veränderter Form in: Waseda Blätter 25, 2018)

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