arne klawitter

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Negativität

Das Moment der Negativität und seine Funktion in der modernen deutschen Literatur

2006-2009, Kyushu Universität, Fukuoka, gefördert von der Japan Society for the Promotion of Science

Projektleiter: Prof. Yasumasa Oguro (Fukuoka)       Projektplan

 

Publikation Arne Klawitter:

Aspekte literarischer Negativität

 

Einführung in das Thema

In einem Gedicht, das Erich Kästner 1930 in dem Band Ein Mann gibt Auskunft veröffentlicht hat, äußert er sich folgendermaßen über den ungewissen Verbleib des Positiven:

 

Und immer wieder schickt ihr Briefe,
in denen ihr, dick unterstrichen, schreibt:
„Herr Kästner, wo bleibt das Positive?“
Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt.

Was Kästner anschließend über den Menschen schreibt, ließe sich genauso gut über die Literatur im Zeitalter der Moderne sagen:

Die Spezies Mensch ging aus dem Leime
und mit ihr Haus und Staat und Welt.
Ihr wünscht, daß ich’s hübsch zusammenreime,
und denkt, daß es dann zusammenhält?

 

Die moderne Literatur (wenn nicht die moderne Kunst überhaupt) versteht sich im 20. Jahrhundert in verstärktem Maße als negativistisch, und zwar nicht nur im Sinne einer Negation, d.h. zum Beispiel im Verwerfen von tradierten Motiven oder Erzählmustern bzw. in der Ablehnung des jeweils vorherrschenden Geschmackurteils. Wenn mit ihr die Erfahrung einer schwindenden Präsenz ausgedrückt, die Abwesenheit der bezeichneten Dinge inszeniert oder, wie bei Hofmannsthal, eine defizitäre Sprachlichkeit reflektiert wird, wenn sie also das Unvermögen nicht nur der Darstellungskraft sondern auch das der Sprache überhaupt thematisiert und damit gewissermaßen ihr eigenes Existenzrecht bestreitet, dann offenbart die Literatur ihren Bezug zu etwas Grundlegendem: zur Negativität.
[…]

 

 

Weiße Zeichen auf dunklem Grund. Literarische Negativität bei Raymond Roussel

1. Das Existenzrecht der Literatur

Kafka, so heißt es, soll seinen Freund und literarischen Nachlassverwalter Max Brod angewiesen haben, sein Werk zu vernichten. Max Brod aber hielt sich bekanntlich nicht an Kafkas Worte. Vielleicht auch deshalb nicht, weil er sie bereits der Literatur zuschrieb und nicht mehr entscheiden konnte, in welchem Sinne diese Worte als wirklich letzte Worte in Hinblick auf Kafkas Werk zu verstehen waren oder ob sie selbst nicht auch zum Werk gehören und somit scheinhaft sind. „Da ich nichts anderes bin als Literatur und nichts anderes sein kann und will …“,[1] notiert Kafka in seinem Tagebuch.

Literatur beginnt in dem Augenblick, in dem sie ihr eigenes Existenzrecht für fragwürdig zu halten beginnt. Diese grundlegende These, die der Literaturkritiker und Schriftsteller Maurice Blanchot Mitte der 1940er Jahre aufstellte,[2] lässt sich sehr schön an der berühmten Szene aus dem sechsten Kapitel des Romans Don Quijote verdeutlichen: Der Barbier und der Pfarrer entscheiden sich, die Bücher zu verbrennen, die den Ritter Don Quijote verblendet haben, denn in ihnen sehen sie die Ursache des ganzen Unglücks, „die Anstifter des Unheils“.[3]

Diese Bücherverbrennung schließt im gewissen Sinne an die philosophische Diskussion an, die Platon in der Politeia um das Existenzrecht der Dichtung geführt hat. Platon sprach der Dichtung das Existenzrecht ab, weil ihr jeder Wahrheitsanspruch fehle, und verbannte die Dichter, die er für ausgemachte Lügner hielt, aus seinem utopischen Staat. Etwa 2300 Jahre nach Platon behauptet der französische Symbolist Stéphane Mallarmé das genaue Gegenteil, wenn er das Ideal seiner Dichtung mit dem Satz ausdrückt, „daß alles auf der Welt existier[e], um in ein Buch einzugehen“.[4] Doch birgt der Wunsch nach einem solch universalen Buch ein Paradox, da es gleichzeitig alle anderen Bücher überflüssig macht. Das absolute Buch wäre folglich eine Unmöglichkeit, weil es alle Bücher umfassen und damit ihre Existenz, die Existenz des Buches generell, bestreiten würde.

Im Anschluss an Mallarmé konstatiert schließlich Blanchot, die historischen Avantgarden in der ersten und zweiten Dekade des 20. Jahrhunderts vor Augen, dass die Literatur der Moderne sich über ihren Trümmern errichte.[5] Als Verneinung ihrer selbst ist sie aber keine Denunziation der Kunst als Täuschung oder Irreführung. Als der Marquis de Sade und Restif de la Bretonne ihre Werke verfassten, schrieben sie gegen die gesamte Moralphilosophie und Literatur ihre Zeit an und stellten damit mit einer geradezu handstreichartigen Geste die bislang geschriebene Literatur in Frage.[6] Die unendlichen Wiederholungen de Sades sind für Blanchot kein Zufall und erst recht kein literarischer Makel, sondern eine Negation der „Natur“: die Spur einer unablässigen Bewegung von Neutralisierung und Auslöschung.[7]

Das Problem, das Blanchot hier anspricht, ist nicht Platons Sorge um die Wahrheit, die man gegen Lüge und Täuschung zu verteidigen habe; es ist vielmehr ein Problem der Sprache. Er bemerkt hierzu, dass die Literatur nicht nur illegitim sei, weil sie täusche, sondern dass sie nichtig sei. Doch diese Nichtigkeit bilde, vorausgesetzt, sie werde „im Reinzustand isoliert“, gleichzeitig „eine außerordentliche, wunderbare Kraft“.[8] Und genau an diesem Punkt müsste eine moderne Literaturkritik ansetzen.

Bereits nach diesen ersten Überlegungen lässt sich eine prinzipielle Unterscheidung zwischen Negation und Negativität deutlich machen. Negation wäre in diesem Fall auf der Ebene des Erkenntnisgegenstandes zu situieren: als Betrug oder Täuschung. Negativität hingegen wäre auf der Ebene der Sprachfunktion zu suchen, welche die Bedingungen von Signifikation betrifft. Die Aufgabe eines Schriftstellers, so Blanchot, bestehe genau darin, „[d]arauf hinzuwirken, daß die Literatur die Freilegung dieses leeren Inneren [werde], daß sie sich rückhaltlos jenem Teil öffn[e], den das Nichts an ihr hat, daß sie ihre eigene Unwirklichkeit verwirklich[e]“.[9] Blanchot bezieht diese Auffassung direkt aus dem Surrealismus, der sich genau das zum Ziel gesetzt hatte, und bringt sie in die Debatte über Literatur ein, die Jean-Paul Sartre damals gerade in der Zeitschrift Les Temps modernes entfacht hatte.[10]

[1] Franz Kafka: Tagebücher 1910-1923, hg. von Max Brod, Frankfurt a. M. (Fischer) 1967, S. 228.

[2] Maurice Blanchot: „Die Literatur und das Recht auf den Tod (1947)“. In: ders.: Von Kafka zu Kafka. Frankfurt a. M. (Fischer) 1993, 11-53, hier S. 11.

[3] Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha. Übers. von Ludwig Braunfels, München (Deutscher Taschenbuchverlag) 1997, S. 53. (Nach der Ausgabe des Artemis & Winkler Verlages, Düsseldorf/Zürich 1956.)

[4] Stéphane Mallarmé: „Das Buch, geistiges Instrument“. In: ders.: Kritische Schriften. Übers. von Gerhard Goebel, Gerlingen (Lambert Schneider) 1998, S. 255.

[5] Maurice Blanchot: „Die Literatur und das Recht auf den Tod“, a.a.O., S. 12.

[6] Blanchot beschäftigte sich mit beiden Autoren, vgl. Maurice Blanchot: Sade et Restif de la Bretonne, Paris (Editions Complexe) 1986. Dieser Band enthält zwei längere Aufsätze aus den Jahren 1963 und 1969.

Man trifft bei Nietzsche auf dieselbe Geste des tabula rasa-Machens, wenn er behauptet, dass die gesamte Philosophie seit Platon in eine falsche Richtung gelaufen sei, weshalb es unverzüglich einer umfassenden Umwertung der Werte bedürfe. Für Nietzsche, der seine Philosophie bekanntlich gegen die Tradition des Platonismus und gegen das „platonistische“ Christentum richtete, war diese Geste zugleich die Bedingung eines Neuanfangs.

[7] Vgl. Maurice Blanchot: Sade, Berlin (Henssel) 1963, S. 35ff.

[8] Maurice Blanchot: „Die Literatur und das Recht auf den Tod“. In: ders.: Von Kafka zu Kafka, Frankfurt a. M. (Fischer) 1993, S. 11-53, hier S. 12.

[9] Ebd., S. 12.

[10] Den Ausgang nahm die Debatte mit Sartres Artikel Qu’est-ce que la littérature?, der in den Nummern 17 bis 22 in Les Temps modernes zwischen Februar und Juli 1947 veröffentlicht wurde. Blanchot reagierte sehr schnell mit zwei Beiträgen in der Zeitschrift Critique. Der erste Teil erschien im November 1947, der zweite im Januar 1948. Später wurden sie zu dem bekannten Essay La littérature et le droit à la mort zusammengefügt und wiederabgedruckt in La part du feu (1949) und in De Kafka à Kafka (1981). Weniger bekannt ist, dass bereits im gleichen Jahr Roland Barthes in der Zeitung Combat einen Artikel mit dem Titel Le dégré zéro de l’écriture publizierte, der den Grundstein für seinen berühmten Essay legte, der 1953 erschien. Und auch Emmanuel Lévinas mischte sich mit seinem Aufsatz La réalité et son ombre ein Jahr nach der Veröffentlichung von Sartres Schrift in die Debatte ein.

 

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NBG 2010 Titelseite

Publikation:

Neue Beiträge zur Germanistik, Band 9/Heft 2 (2010)
Sonderthema: Aspekte literarischer Negativität

 


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